In einem eindringlichen Gastbeitrag in der Sunday Times warnt der ehemalige britische Premierminister Rishi Sunak vor einer fundamentalen Bedrohung der westlichen Sicherheit und fordert eine radikale Abkehr von strategischer Naivität. Während der Blick der Weltöffentlichkeit derzeit starr auf den Nahen Osten gerichtet ist, mahnt Sunak, dass der Westen Gefahr laufe, den eigentlichen «Blind Spot» der globalen Stabilität zu übersehen: Taiwan.
Tolga Akmen/AFP/Keystone
Sunak analysiert die aktuelle Lage an der Strasse von Hormus als gezielten Erpressungsversuch Teherans. Bisher sei man davon ausgegangen, dass der Iran die Meerenge nicht schliessen würde, da über drei Viertel seiner eigenen Einnahmen aus Exporten durch diese Gewässer stammen. «Doch das iranische Regime versucht nun, sie für den gesamten Verkehr ausser für befreundete Schiffe zu sperren», warnt Sunak. Die Absicht dahinter sei klar: «Sie versuchen, der Weltwirtschaft den Dolch an die Kehle zu setzen, um diesen Konflikt so kostspielig zu machen, dass er nicht mehr aufrechtzuerhalten ist.»
Besonders besorgniserregend ist für Sunak dabei die Frequenz der Krisen: «Eines der alarmierendsten Merkmale dieses Konflikts ist, dass er bereits den vierten Versorgungsschock in diesem Jahrzehnt verursacht hat. Und traurigerweise wird es noch weitere geben.» Diese Kette von Erschütterungen – nach der Pandemie, dem Ukraine-Krieg und Chinas Embargo auf Seltene Erden – zeige, dass die Ära der wirtschaftlichen Sicherheit durch geopolitische Gewissheit «endgültig vorbei» sei.
Das grösste verbleibende Risiko liege laut Sunak jedoch in der Strasse von Taiwan, durch die jährlich Waren im Wert von 2,4 Billionen US-Dollar fliessen. Sunak identifiziert Taiwan als einen von fünf kritischen geografischen Nadelöhren («Chokepoints») der globalen Ökonomie, zu denen auch die Strassen von Malakka, Hormus, Ombai und die Meerenge Bab-el-Mandeb gehören. Im Gegensatz zu historischen Sicherheitsgarantien liegen diese Punkte heute auf geopolitischen Bruchlinien. Er warnt davor, dass China die aktuelle Erschöpfung westlicher Munitionsvorräte durch die Konflikte im Nahen Osten und der Ukraine als günstige Gelegenheit für eine Eskalation in der Taiwanstrasse deuten könnte. Ein Stillstand der dortigen Halbleiter-Exporte würde die Weltwirtschaft nicht nur beeinträchtigen, sondern «lähmen», so der ehemalige britische Premier.
Um den drohenden «Niedergang und Fall» des Westens abzuwenden, zieht Sunak eine historische Parallele zum Römischen Reich. Da die globalen Handelswege heute direkt auf geopolitischen Bruchlinien verlaufen, müsse der Westen seine Resilienz und Verteidigungsfähigkeit massiv stärken. Sein Plädoyer gipfelt in einer antiken Mahnung: «Wenn wir nicht wollen, dass der Westen untergeht, ist es an der Zeit, uns daran zu erinnern, was die Römer uns lehrten», schreibt Sunak und schliesst mit der Maxime: «Si vis pacem, para bellum» – Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.