Suchbegriff

Die Weltwoche bietet tägliche Analysen, exklusive Berichte und kritische Kommentare zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Konto Anmelden
Die Weltwoche

«In Europa erhebt der Nazismus wieder den Kopf, und die Militarisierung gewinnt an Fahrt»: Russlands Aussenminister Sergei Lawrow vor den Vereinten Nationen

Diese Rede hielt Russlands Aussenminister Sergei Lawrow am 27. September 2025 an der 80. Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York. Wir dokumentieren sie im Wortlaut und übersetzt.

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrte Damen und Herren,

vor achtzig Jahren endete der schrecklichste Krieg in der Geschichte der Menschheit: Über siebzig Millionen Menschen wurden Opfer von Kriegshandlungen, Hunger und Krankheiten. Im Jahr 1945 änderte sich der Lauf der Weltgeschichte für immer. Der Triumph über den deutschen Nazismus, unter dessen Fahnen sich der grösste Teil Europas gestellt hatte, und den japanischen Militarismus eröffnete den Weg zu Frieden, Wiederaufbau und Prosperität.

SARAH YENESEL / KEYSTONE
epa12410517 Minister of Foreign Affairs of the Russian Federation Sergey Lavrov (front) speaks during the General Debate of the 80th session of the United Nations General Assembly at United Nations headquarters in New York, New York, USA, 27 September 2025
SARAH YENESEL / KEYSTONE

In diesem Jahr fanden in Moskau und Peking Feierlichkeiten statt, die den Festtagen am 9. Mai und am 3. September zu Ehren des Sieges im Grossen Vaterländischen Krieg und im Zweiten Weltkrieg gewidmet waren. Die Welt sah grandiose Militärparaden – als Zeichen des entscheidenden Beitrags der Völker der UdSSR zur Zerschlagung Nazideutschlands und der besonderen Rolle des Volkes Chinas bei der Zerschlagung des militaristischen Japans. Wir ehren heilig das Gedenken an die Waffenbrüderschaft mit allen Verbündeten, die damals auf der Seite der Wahrheit im Kampf gegen die Kräfte des Bösen standen.

Eines der Ergebnisse jenes Krieges war die Gründung der Vereinten Nationen. Die von den Gründervätern unserer Organisation vereinbarten Prinzipien ihrer Charta dienen bis heute als «Leuchtturm» internationaler Zusammenarbeit. Sie verkörpern die jahrhundertelange Erfahrung des Zusammenlebens von Staaten und behalten ihre volle Bedeutung auch im Zeitalter der Multipolarität. Es bleibt nur, dass alle Mitgliedstaaten ohne Ausnahme diese Prinzipien einhalten – in ihrer Gesamtheit, ihrer Vollständigkeit und ihrem Zusammenhang.

In der Praxis jedoch sieht alles anders aus. Allgegenwärtige grobe Verletzungen des Prinzips der souveränen Gleichheit der Staaten untergraben den Glauben an Gerechtigkeit selbst, führen zu Krisen und Konflikten. Die Wurzel der Probleme sind die unaufhörlichen Versuche, die Welt in «unsere» und «fremde», in «Demokratien» und «Autokratien», in einen «blühenden Garten» und einen «Dschungel», in diejenigen «am Tisch» und diejenigen «auf der Speisekarte» zu teilen. In die Auserwählten, denen alles erlaubt ist, und die Übrigen, die merkwürdigerweise verpflichtet sein sollen, die Interessen der «goldenen Milliarde» zu bedienen. Wir treten für die unbedingte Einhaltung des Prinzips der Gleichheit ein: Darin liegt die Garantie dafür, dass alle Länder ihren würdigen Platz in der Weltordnung einnehmen können – unabhängig von ihrer militärischen Stärke, Bevölkerungszahl, Grösse des Territoriums oder Wirtschaftskraft.

Auch das Prinzip der Nichtanwendung von Gewalt und der Androhung von Gewalt wurde vom Westen mehrfach mit Füssen getreten. Tragödien waren die Nato-Bombardierungen Jugoslawiens, die Invasion der von den USA geführten Koalition in den Irak, die Nato-Militäroperation zum Regimewechsel in Libyen. Heute droht der völkerrechtswidrige Einsatz von Gewalt durch Israel gegen die Palästinenser ebenso wie aggressive Handlungen gegen den Iran, gegen Katar, den Jemen, den Libanon, Syrien und den Irak den gesamten Nahen Osten in die Luft zu sprengen.

Russland hat den Angriff der Hamas-Kämpfer auf friedliche Israelis am 7. Oktober 2023 scharf verurteilt. Doch für das grausame Töten der Zivilbevölkerung Palästinas gibt es ebenso keine Rechtfertigung wie für Terrorakte. Keine Rechtfertigung gibt es für die kollektive Bestrafung der Palästinenser im Gazastreifen, wo palästinensische Kinder unter Bombardierungen und Hunger sterben, Krankenhäuser und Schulen zerstört werden, Hunderttausende Menschen ihr Dach über dem Kopf verlieren. Keine Rechtfertigung gibt es für Pläne zur Annexion des Westjordanlandes. Faktisch haben wir es mit einem Versuch einer Art Staatsstreich zu tun, um die Uno-Beschlüsse über die Schaffung eines palästinensischen Staates zu «begraben». Vor wenigen Tagen haben eine Reihe westlicher Regierungen die Anerkennung des Staates Palästina erklärt. Ihr Vorhaben dazu hatten sie bereits vor einigen Monaten angekündigt. Es stellt sich die Frage: Warum haben sie so lange gewartet? Offenbar hofften sie, dass es zum Zeitpunkt der Einberufung der UN-Generalversammlung nichts und niemanden mehr anzuerkennen geben würde. Die Situation erfordert dringend Massnahmen dazu, ein solches Szenario zu verhindern, wofür sich die Teilnehmer der internationalen hochrangigen Konferenz zur friedlichen Beilegung der Palästina-Frage und zur Umsetzung der Zweistaatenlösung eindeutig ausgesprochen haben.

Zu verurteilen sind die Angriffe auf iranische Objekte, die unter den Garantien der IAEO standen, und anschliessend auch auf die Hauptstadt Katars, zu einem Zeitpunkt, als dort Verhandlungen mit der Hamas stattfanden, unter Beteiligung auch amerikanischer Vermittler.

Gestern (am 26. September) hat der Westen im Sicherheitsrat den rationalen Vorschlag Chinas und Russlands abgelehnt, die Laufzeit der Vereinbarung von 2015 über das iranische Atomprogramm zu verlängern, um der Diplomatie Zeit zu geben. Damit wurde der westliche Kurs endgültig entlarvt, die Suche nach konstruktiven Lösungen im Uno-Sicherheitsrat zu sabotieren und von Teheran einseitige Zugeständnisse durch Erpressung und Druck zu erzwingen. Wir halten eine solche Politik für inakzeptabel, und alle Manipulationen des Westens zur Wiederherstellung der antiiranischen Uno-Sanktionen sowie diese Sanktionen selbst für illegitim.

Der Westen ist auch nicht daran gewöhnt, das Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten zu beachten. Ein trauriges Phänomen unserer Zeit sind die «bunten Revolutionen», und die illegitimen einseitigen Sanktionen sind längst zum Hauptinstrument westlicher Diplomatie geworden. Welche Vorwände man für sie auch immer anführt, das Wesen solcher Sanktionen ist eines – Konkurrenten in der Weltwirtschaft und Politik zu unterdrücken und einzuschüchtern.

Russland tritt gemeinsam mit der absoluten Mehrheit der Uno-Mitglieder für die unverzügliche und bedingungslose Aufhebung der seit mehr als 60 Jahren bestehenden Handelsblockade Kubas und für ihre Streichung von der berüchtigten Liste der «Staatssponsoren des Terrorismus» ein. Wir bekunden unsere Solidarität mit dem Volk Venezuelas unter Bedingungen des äusseren Sanktionsdrucks und der Drohungen. Wir treten für die Erhaltung Lateinamerikas und der Karibik als Zone des Friedens und der Zusammenarbeit ein.

Ein eklatantes Beispiel für die Untergrabung der Souveränität und grobe Einmischung in innere Angelegenheiten sind die Handlungen des Westens auf dem Balkan, wo auch ein weiterer in der Charta verankerter Grundsatz mit Füssen getreten wird: die Notwendigkeit für alle Uno-Mitglieder, die Beschlüsse des Sicherheitsrates umzusetzen. Die einseitige Anerkennung der «Unabhängigkeit» des Kosovo im Widerspruch zur Resolution 1244 wurde im Grunde zu einem Angriff auf die staatliche Ordnung Serbiens. Heute steuert der Westen auf die Zerschlagung der Staatlichkeit von Bosnien und Herzegowina zu, indem er das Abkommen von Dayton sabotiert. Sowohl im Kosovo als auch in Bosnien entfaltet sich ein Angriff auf die lebenswichtigen Interessen des serbischen Volkes, einschliesslich der ureigenen Rechte der serbischen Orthodoxie.

Genauso hat das Kiewer Regime, das infolge des vom Westen organisierten verfassungswidrigen Staatsstreichs im Jahr 2014 die Macht ergriffen hat, einen Kurs auf die Liquidierung der kanonischen Ukrainisch-Orthodoxen Kirche eingeschlagen sowie auf die gesetzliche Auslöschung der russischen Sprache in allen Bereichen – Bildung, Kultur, Medien. Die Ukraine ist das einzige Land der Welt, das die Verwendung der Muttersprache von fast der Hälfte seiner Bevölkerung gesetzlich verboten hat. Die arabische Sprache ist in Israel nicht verboten, ebenso wenig wie Hebräisch in den arabischen Ländern und im Iran. Doch Russisch ist in der Ukraine verboten. Ich erinnere daran, dass es in Artikel 1 der Uno-Charta heisst, es sei notwendig, «die Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten für alle ohne Unterschied der Rasse, des Geschlechts, der Sprache und der Religion» zu wahren.

Europa schweigt dazu, besessen von dem utopischen Ziel, Russland eine «strategische Niederlage» zuzufügen. Dafür ist dem Kiewer Regime alles erlaubt, einschliesslich Terroranschlägen gegen Politiker und Journalisten, Folterungen und aussergerichtlichen Hinrichtungen, wahllosen Bombardierungen ziviler Objekte, vernunftlosen Sabotageakten gegen Atomkraftwerke.

Russland war, wie Präsident Wladimir Putin mehrfach betont hat, von Anfang an und bleibt offen für Verhandlungen über die Beseitigung der Ursachen des Konflikts. Die Sicherheit Russlands, seine lebenswichtigen Interessen, müssen zuverlässig garantiert sein. Die Rechte der Russen und russischsprachigen Menschen in den Gebieten, die weiterhin unter der Kontrolle des Kiewer Regimes stehen, müssen in vollem Umfang wiederhergestellt werden. Auf dieser Grundlage sind wir bereit, auch über Sicherheitsgarantien für die Ukraine zu sprechen.

Bislang ist weder bei Kiew noch bei seinen europäischen Sponsoren ein Bewusstsein für die Dringlichkeit oder eine Bereitschaft zu ehrlichen Verhandlungen zu erkennen. Die Nato setzt ihre Expansion bis dicht an unsere Grenzen fort – entgegen den noch sowjetischen Anführern gegebenen Zusicherungen, sich «keinen Zoll» nach Osten auszudehnen. Entgegen den von den Nato-Mitgliedern in der OSZE übernommenen Verpflichtungen, das Prinzip der Unteilbarkeit der Sicherheit zu achten, die eigene Sicherheit nicht auf Kosten der Sicherheit anderer zu stärken, keinen Anspruch auf Dominanz zu erheben.

Wir haben den Nato-Hauptstädten wiederholt vorgeschlagen, ihre Verpflichtungen zu respektieren und sich über rechtlich verbindliche Sicherheitsgarantien zu einigen. Unsere Vorschläge sowohl von 2008 als auch später – im Dezember 2021 – wurden ignoriert und werden bis heute ignoriert. Mehr noch, immer häufiger sind Drohungen des Einsatzes von Gewalt gegen Russland, das man beschuldigt, beinahe einen Angriff auf die Nato und die Europäische Union zu planen, zu hören. Präsident Wladimir Putin hat derartige Provokationen wiederholt entlarvt. Russland hatte und hat keine derartigen Absichten. Doch jede Aggression gegen mein Land wird eine entschlossene Antwort erhalten. Daran darf es bei denen in der Nato und der EU, die nicht nur ihre Wähler von der Unvermeidlichkeit eines Krieges mit Russland überzeugen und sie dazu zwingen, den Gürtel enger zu schnallen, sondern auch offen von der Vorbereitung eines Angriffs auf unser Gebiet Kaliningrad und andere russische Gebiete sprechen, keinen Zweifel geben.

Bestimmte Hoffnungen verbinden wir mit der Fortsetzung des russisch-amerikanischen Dialogs, insbesondere nach dem Gipfeltreffen in Alaska. In den Ansätzen der jetzigen US-Regierung sehen wir das Streben, nicht nur die Suche nach realistischen Wegen zur Beilegung der Ukraine-Krise zu fördern, sondern auch den Wunsch, eine pragmatische Zusammenarbeit zu entwickeln, ohne eine ideologische Pose einzunehmen.

Russland und die USA tragen eine besondere Verantwortung für die Lage in der Welt, für die Vermeidung von Risiken, die die Menschheit in einen neuen Krieg stürzen könnten. Der Aufrechterhaltung der strategischen Stabilität soll die neue Initiative der Russischen Föderation dienen, die von Präsident Wladimir Putin am 22. September vorgebracht wurde: Über die Bereitschaft, die zentralen quantitativen Beschränkungen des Start-Vertrages ein Jahr lang nach Ablauf seiner Geltungsdauer am 5. Februar 2026 einzuhalten – unter der Bedingung, dass die USA in gleicher Weise handeln und keine Schritte unternehmen, die das bestehende Verhältnis der Abschreckungspotenziale verletzen. Wir sind der Ansicht, dass die Umsetzung unseres Vorschlags dazu beitragen würde, die notwendigen Voraussetzungen für die Vermeidung eines Wettrüstens bei strategischen Waffen zu schaffen, ein akzeptables Mass an Vorhersehbarkeit im Raketen- und Nuklearbereich zu erhalten und die allgemeine Atmosphäre in den russisch-amerikanischen Beziehungen zu verbessern.

Kollegen, im Dezember dieses Jahres begehen wir den 65. Jahrestag der Annahme der Erklärung über die Gewährung der Unabhängigkeit an koloniale Länder und Völker durch die Generalversammlung. Der Prozess der Dekolonisierung unter führender Rolle der Sowjetunion wurde zur direkten Folge der Verwirklichung des Rechts der Nationen auf Selbstbestimmung. Die Völker Afrikas und Asiens weigerten sich, unter dem Joch der Kolonisatoren zu leben – genauso wie nach dem Staatsstreich 2014 in der Ukraine die Krim, Donbass und Noworossija sich weigerten, sich dem illegitim die Macht ergreifenden Kiewer neonazistischen Regime zu unterwerfen, das nicht nur nicht die Interessen seiner Bevölkerung vertritt, sondern gegen sie Krieg entfesselt hat. Sowohl im einen als auch im anderen Fall wurde ein Prinzip verwirklicht, das 1776 in der Unabhängigkeitserklärung verankert und später mehrfach von vielen US-Präsidenten bestätigt wurde: «Regierungen erhalten ihre Legitimität (just) mit dem Einverständnis der Regierten (consent of the governed).» Weder die Kolonisatoren noch das Kiewer Regime hatten irgendeine Zustimmung der Völker, die sie zu beherrschen versuchten. Dieses Prinzip wurde in der Uno-Erklärung von 1970 einstimmig bestätigt, wo es ausdrücklich heisst: Alle müssen die territoriale Integrität derjenigen Länder achten, deren Regierungen das gesamte Volk vertreten, das auf dem jeweiligen Territorium lebt.

Heute erleben Afrika und der gesamte globale Süden ein neues Erwachen, indem sie volle Unabhängigkeit anstreben, und die Uno darf dabei nicht abseitsstehen. Im Dezember 2024 wurde die Resolution der Generalversammlung «Ausrottung des Kolonialismus in all seinen Formen und Erscheinungen» angenommen. Wir rufen dazu auf, als nächsten Schritt die Entscheidung zu treffen, den 14. Dezember zum Internationalen Tag des Kampfes gegen den Kolonialismus zu erklären. Wir begrüssen die Rolle der Gruppe der Freunde zur Verteidigung der Uno-Charta bei der Bündelung der Anstrengungen zur Bekämpfung neokolonialer und anderer diskriminierender Praktiken gegenüber der Weltmehrheit und laden alle unabhängigen Staaten ein, sich ihrer Mitgliedschaft anzuschliessen.

Das bestehende Kräfteverhältnis in der Welt unterscheidet sich grundlegend von dem, das vor achtzig Jahren etabliert wurde. Der Prozess der Dekolonisierung und andere grossangelegte Erschütterungen haben die politische Landkarte des Planeten verändert. Die Weltmehrheit erhebt lautstark Anspruch auf ihre Rechte. Eine besondere Rolle spielen die SOZ und die Brics als Mechanismen zur Abstimmung der Interessen der Länder des globalen Südens und Ostens. Es wächst der Einfluss der Afrikanischen Union, der Celac und anderer regionaler Vereinigungen.

Diese neuen Realitäten haben bislang keinen angemessenen Niederschlag im System der Institutionen unserer Organisation gefunden. Besonders wichtig ist die Frage der Reform des Sicherheitsrates. Russland tritt für seine Demokratisierung ausschliesslich durch die Erweiterung der Vertretung Asiens, Afrikas und Lateinamerikas ein. Wir unterstützen die Anträge Brasiliens und Indiens auf einen ständigen Sitz im Rat bei gleichzeitiger Korrektur der historischen Ungerechtigkeit gegenüber Afrika in den Parametern, die von den Ländern des Kontinents selbst vereinbart wurden.

Vor kurzem hat Generalsekretär António Guterres eine umfassende Reform der Uno vorgeschlagen. Wir sind nicht gegen eine offene Diskussion dieser Initiative. Als Richtlinie sollte die Rückkehr der Uno zu den grundlegenden Prinzipien sein, die in ihrer Charta verankert sind und die der Westen seit vielen Jahren durch seine «regelbasierte Ordnung» zu ersetzen versucht. Wichtig ist, dass die Arbeit transparent erfolgt, unter Beteiligung und unter Berücksichtigung der Interessen aller Mitgliedstaaten. Wir rufen den Generalsekretär und alle Mitarbeiter des Sekretariats dazu auf, die Prinzipien der Unparteilichkeit und Gleichbehandlung strikt einzuhalten – im Einklang mit Artikel 100 der Charta. Versuche einer «Palastrevolution» im Sekretariat, seine Privatisierung durch eine kleine Gruppe von Staaten, dürfen nicht zugelassen werden. Die Zusammensetzung des Sekretariats muss die neue Realität widerspiegeln und eine gerechte Vertretung der Länder der Weltmehrheit gewährleisten. Wir rechnen mit einer konstruktiven Diskussion über die Entwicklung der Organisation bei der Sondersitzung des Sicherheitsrates, die Russland als Vorsitzender am Tag der Vereinten Nationen, dem 24. Oktober, zu organisieren plant.

Die Reform der Uno ist nur ein Teil der umfassenden Aufgabe der Umgestaltung des gesamten Systems der globalen Verwaltung, einschliesslich einer echten Demokratisierung des IWF, der Weltbank und der WTO – im Verhältnis zum Gewicht und zur Rolle des globalen Südens und Ostens in Weltwirtschaft, Welthandel und Finanzwesen.

In den Diskussionen über globale Reformen darf die Tatsache nicht ignoriert werden, dass sich die Lage im Bereich der internationalen Sicherheit verschlechtert. Über die Ursachen habe ich bereits gesprochen. Die Hauptursache ist das Streben, die Hegemonie mit militärischer Macht zu erhalten. Immer mehr Länder und Regionen werden in konfrontative Schemata hineingezogen. Der Nato ist es in Europa bereits zu eng, und sie dringt in den Pazifik, in das Südchinesische Meer, in die Taiwanstrasse vor, untergräbt die universellen Mechanismen der Asean und schafft Bedrohungen nicht nur für China und Russland, sondern auch für andere Länder der Region. Diese neue Expansionsetappe rechtfertigt die Nato-Führung mit der «Unteilbarkeit der Sicherheit des euro-atlantischen und indo-pazifischen Raumes» und versucht unter diesem Motto, nun ganz Eurasien in einen militärischen Ring zu nehmen.

Russland bietet zusammen mit Gleichgesinnten eine konstruktive Alternative zu diesem gefährlichen Kurs: den Aufbau einer Architektur gleicher und unteilbarer Sicherheit in Eurasien nicht für die Mitglieder der Nato und ihre Verbündeten, sondern für alle Länder und Vereinigungen des Kontinents ohne Ausnahme, einschliesslich der SOZ, GUS, Asean, Eawu, OVKS, des Golf-Kooperationsrates und anderer. Zu diesem Zweck schlagen Belarus und Russland als Partner im Unionsstaat die Ausarbeitung einer Eurasischen Charta der Vielfalt und der Multipolarität im 21. Jahrhundert vor. Ein wahrhaft gesamteuropäischer Prozess ist unvermeidlich, nachdem das Verhalten des Westens das euroatlantische Sicherheitsmodell auf der Grundlage von Nato, EU und OSZE sinnlos gemacht hat. Wir sehen keine Perspektiven für die Ideen einer Wiederbelebung dieses Modells in Europa in seiner bisherigen Form, über die man in einigen europäischen Hauptstädten zu reflektieren begonnen hat.

Wenn wir über die Zukunft sprechen, dürfen wir die Lehren der Vergangenheit nicht vergessen – insbesondere in einer Situation, in der in Europa der Nazismus wieder den Kopf erhebt und die Militarisierung an Fahrt gewinnt – unter denselben antirussischen Parolen.

Dies ist umso beunruhigender, als eine Reihe von Politikern, die in Brüssel und in einigen Hauptstädten der EU- und Nato-Staaten an die Macht gelangt sind, ernsthaft beginnen, über einen Dritten Weltkrieg als wahrscheinliches Szenario zu sprechen. Diese Politiker untergraben alle Bemühungen um die Suche nach einem ehrlichen Interessenausgleich aller Mitglieder der internationalen Gemeinschaft, indem sie versuchen, ihre einseitigen Ansätze den übrigen aufzuzwingen und dabei grob die zentrale Anforderung der Charta – die Achtung der souveränen Gleichheit der Staaten – verletzen. Gerade diese Gleichheit ist das Fundament der sich objektiv bildenden Multipolarität. Russland wirbt nicht für eine Revolution gegen irgendjemanden. Unser Land hat mehr als andere unter Revolutionen gelitten. Wir rufen die Mitgliedstaaten und die Führung des Sekretariats lediglich dazu auf, strikt allen Prinzipien der Uno-Charta ohne Doppelstandards zu folgen. Nur dann wird das Erbe der Gründerväter der Uno nicht vergebens vergeudet werden.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Abonnement
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Abo prüfen
Startdatum: 01.04.2026
Mit der Bestellung akzeptieren Sie unsere AGBs.
Ihre Angaben
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
    (Newsletter kann jederzeit wieder abbestellt werden)

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.

Unzulässig sind:

  • Antisemitismus / Rassismus
  • Aufrufe zur Gewalt / Billigung von Gewalt
  • Begriffe unter der Gürtellinie/Fäkalsprache
  • Beleidigung anderer Forumsteilnehmer / verächtliche Abänderungen von deren Namen
  • Vergleiche demokratischer Politiker/Institutionen/Personen mit dem Nationalsozialismus
  • Justiziable Unterstellungen/Unwahrheiten
  • Kommentare oder ganze Abschnitte nur in Grossbuchstaben
  • Kommentare, die nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen)
  • Kommentare, die kommerzieller Natur sind
  • Kommentare mit vielen Sonderzeichen oder solche, die in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • Kommentare, die mehr als einen externen Link enthalten
  • Kommentare, die einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Kommentare, die nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu
  • Kommentare, die nicht auf Deutsch sind. Die Forumssprache ist Deutsch.

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.

Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.