«Ich weiss, dass ich beängstigend und schwierig sein kann. Aber das ist noch lange kein sexueller Übergriff»: Seit sechs Jahren sitzt der 73-jährige Starproduzent Harvey Weinstein im New Yorker Gefängnis von Rikers Island. Jetzt gab er sein erstes grosses Interview
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«Ich weiss, dass ich beängstigend und schwierig sein kann. Aber das ist noch lange kein sexueller Übergriff»: Seit sechs Jahren sitzt der 73-jährige Starproduzent Harvey Weinstein im New Yorker Gefängnis von Rikers Island. Jetzt gab er sein erstes grosses Interview

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«Ich weiss, dass ich beängstigend und schwierig sein kann. Aber das ist noch lange kein sexueller Übergriff»: Seit sechs Jahren sitzt der 73-jährige Starproduzent Harvey Weinstein im New Yorker Gefängnis von Rikers Island. Jetzt gab er sein erstes grosses Interview
«Ich weiss, dass ich beängstigend und schwierig sein kann. Aber das ist noch lange kein sexueller Übergriff»: Seit sechs Jahren sitzt der 73-jährige Starproduzent Harvey Weinstein im New Yorker Gefängnis von Rikers Island. Jetzt gab er sein erstes grosses Interview
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Mit Enthüllungsgeschichten brachten die New York Times und der New Yorker Weinstein 2017 zu Fall und lösten die #MeToo-Welle aus. 2020 wurde der Filmmogul in New York wegen Vergewaltigung dritten Grades verurteilt. Diese Verurteilung wurde 2024 grösstenteils aufgehoben. Im Jahr 2023 wurde Weinstein in Los Angeles zu sechzehn Jahren Haft wegen Vergewaltigung und anderer Verbrechen verurteilt. Es läuft die Berufung.

CURTIS MEANS / POOL / KEYSTONE
Harvey Weinstein im Gerichtssaal.
CURTIS MEANS / POOL / KEYSTONE

Im Januar gab Produzent und Unternehmer Weinstein, der mit «Pulp Fiction» und «Shakespeare in Love» zum Hollywood-Helden wurde, dem Hollywood Reporter ein 60-minütiges Interview, das jetzt veröffentlicht wurde. Weinstein gibt zu, dass er sich oft falsch verhalten und gelogen habe, Frauen gegenüber sei er aber niemals gewalttätig geworden. Wir fassen die wichtigsten Aussagen Weinsteins zusammen.

Über die Bedingungen im Gefängnis:

«Ich habe keinen menschlichen Kontakt ausser zu den Wärtern. […] Ich spreche nur mit den Wärtern. Und den Krankenschwestern. […] Es ist die Hölle.»

«Jedes Mal, wenn ich im Gefängnishof bin, fühle ich mich wie unter Belagerung. Sie kommen zu mir und sagen: ‹Weinstein, gib mir Geld.› ‹Weinstein, gib mir deinen Anwalt.› ‹Weinstein, mach dies.› ‹Weinstein, mach das.› Ich werde ständig bedroht und verspottet.»

«Alle drei Stunden darf ich etwa sechzehn bis achtzehn Minuten telefonieren. Das ist meine Lebensader. Ich spreche jeden Tag mit drei meiner Kinder: meiner ältesten Tochter, die jetzt 30 ist, meinem 12-Jährigen und meinem 15-Jährigen. Meine anderen beiden Kinder haben seit sechs Jahren nicht mehr mit mir gesprochen. Ich spreche auch mit meinen Anwälten und ein paar Freunden. Das ist das Einzige, was mich bei Verstand hält.»

«Ich bestelle Bücher bei Amazon, und sie werden mir per Fedex zugestellt. Manchmal mehrere pro Tag. Ich habe schon immer gerne gelesen, aber hier gibt es nicht viel anderes zu tun. In Rikers gibt es keine Times – die einzige Zeitung hier ist die Daily News. Aber ein Freund schickt mir jede Woche die «Sunday Book Review». […] Als ich in LA vor Gericht stand, habe ich mein gesamtes Highschool-Lehrprogramm durchgearbeitet. ‹In einem anderen Land›. ‹Wem die Stunde schlägt›. ‹Gatsby›. Ich hatte diese Bücher seit meinem 17. Lebensjahr nicht mehr gelesen. Sie mit 73 Jahren zu lesen, gefangen in einer Zelle – das ist einfach etwas ganz anderes. In Rikers lese ich eine Autobiografie nach der anderen. Graydons Autobiografie. Die von Barry Diller. Die von Keith McNally, die unglaublich war.»

Ob er im Gefängnis Filme schauen kann:

«Wir haben alle ein Tablet, auf dem wir Filme schauen können. Jeder Film kostet 4,95 Dollar. Meistens sind es grosse Mainstream-Hits – keine Arthouse-Filme. Aber gelegentlich taucht aus dem Nichts ein kleiner Film auf, der einfach grossartig ist. Ich habe gerade ‹The Ballad of Wallis Island› gesehen – Carey Mulligan war ausführende Produzentin –, und es ist ein wunderbarer Film. Ich wünschte, ich wäre dagewesen, um ihn zu vertreiben. Ab und zu zeigen sie meine Filme. Neulich lief ‹Good Will Hunting›. Ich hatte ihn seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. Ich habe ihn mir in meiner Zelle angesehen und dachte: ‹Das war verdammt gut.›»

Ob die Leute im Gefängnis mit ihm über Film sprechen:

«Nicht wirklich. Sie wollen nur über Quentin Tarantino sprechen. Es ist nicht wirklich ein Publikum für ‹Shakespeare in Love›.»

Über Gewalt im Gefängnis:

«Einmal, als ich darauf wartete, das Telefon benutzen zu können, fragte ich den Mann vor mir, ob er fertig sei. Er legte auf und schlug mir hart ins Gesicht. Ich fiel zu Boden und blutete überall. Ich war schwer verletzt. Die Polizisten fragten mich, wer das getan habe, aber ich konnte es nicht sagen. Man darf kein Verräter sein. Das ist das Gesetz des Dschungels.»

Darüber, dass er im Gefängnis sterben könnte:

«Das macht mir verdammt grosse Angst. Kalt und herzlos. Es ist unglaublich, dass ich das Leben hatte, das ich hatte, und die Dinge, die ich für die Gesellschaft getan habe, und dass man mir nicht mit Nachsicht begegnet und mich nicht freundlicher behandelt. Was auch immer sie für schlecht in meinem Leben halten, ich habe keine Todesstrafe bekommen. Im März werde ich 74. Ich möchte hier nicht sterben.»

Ob er Frauen Unrecht angetan habe:

«Habe ich einige dieser Frauen erfolglos angemacht? Habe ich meine Karten überreizt? Ja. War ich aufdringlich oder übermässig verführerisch? Ja, all das. Sehen Sie, ich hätte mich niemals mit den Leuten treffen dürfen, mit denen ich mich getroffen habe. Ich war mit einer fantastischen Frau verheiratet, die keine Ahnung hatte, was ich tat. Ich habe die ganze Zeit gelogen. Ich habe meine Mitarbeiter missbraucht, um diese Dinge zu verbergen. Aber habe ich jemals eine Frau sexuell belästigt? Nein. Das habe ich nie getan. […] Das, was ich falsch gemacht habe, war keine sexuelle Belästigung. Es war der Betrug meiner Frau. Ich wollte das unbedingt vor ihr geheim halten. Ich wollte nicht, dass Disney davon erfährt. Ich habe alles dafür getan, mich vor einem solchen Skandal zu schützen. […] Ich muss allerdings sagen, wenn ein Mann Sie mitten in der Nacht in sein Hotelzimmer einlädt, wissen Sie, was auf dem Programm steht.»

Über das Machtgefälle:

«Ja, es gab ein Machtungleichgewicht. Ich weiss, dass ich beängstigend und schwierig sein kann. Aber das ist noch lange kein sexueller Übergriff. Übertriebenes Flirten, lächerliche Situationen. Schlechtes und dummes Verhalten. Ja. Aber ich habe niemanden gedrängt. Ich habe niemanden körperlich bewegt. Das habe ich nicht getan. […] Und ich habe mich einem Lügendetektortest unterzogen, um das zu beweisen.»

Über ein Beweisvideo:

«Ich glaube, ich habe versucht, verführerisch zu sein, und bin dabei zu weit gegangen. Es war peinlich und erbärmlich. Aber ich habe sie nie angefasst. Sie haben nie gesehen, dass ich Hand an sie gelegt habe. Sie haben ihren Fall nicht einmal vor Gericht gebracht.»

Ob er überheblich gewesen sei und gedacht habe, nie erwischt zu werden:

«Überheblichkeit ist ein gutes Wort. Und es war offensichtlich selbstzerstörerisch. Aber diese Affären haben mir etwas von dem Druck genommen, unter dem ich stand. Es war eine Versuchung, die immer da war, und ich habe immer nachgegeben. Das war dumm und falsch.»

Was er anders hätte machen sollen:

«Ich hätte diese Frauen mehr respektiert. Ich hätte mich gar nicht erst auf sie eingelassen. Ich wäre meiner Ehe treu geblieben. Ich hätte gesagt: ‹Ich habe eine Familie. Ich werde sie beschützen.› Ich war ein Idiot. Das gebe ich zu. […] ich sage es heute hier: Ich bitte diese Frauen um Entschuldigung. Es tut mir leid. Ich hätte mich gar nicht erst auf sie einlassen dürfen. Ich habe sie getäuscht. […] Aber ich habe sie nicht angegriffen. Das ist die grosse Lüge in dieser ganzen Sache. Ich werde mich nicht für etwas entschuldigen, das ich nicht getan habe. Meine Unschuld wird bewiesen werden. Das verspreche ich Ihnen.»

Ob er glaube, dass #MeToo gut war:

«Ich denke schon. Wenn Frauen verletzt oder ausgebeutet wurden, war das meiner Meinung nach gut.»

Ob er Selbstmordgedanken hatte:

«Nein! Niemals! Es wurde wirklich dunkel für mich, aber das würde ich meinen Kindern niemals antun.»

Als was er sich in einem Film über sich selber sehen würde: Als Bösewicht? Als Opfer? Als tragischen Helden?

«Als alles drei. Ich habe Fehler gemacht und hässliche Dinge getan. Aber ich habe auch viel Gutes getan – ich habe dazu beigetragen, die Kultur zu verändern. Ich habe vielen Menschen zu einer Karriere verholfen. Ich war zu vielen Menschen freundlich. Ich bin kein Opfer. Ich bin ein Überlebender. Ein Überlebender meiner eigenen Fehler. Aber ich bin in einer schwierigen Situation, und das weiss ich. Ich muss mir selbst Mut zusprechen, weil es sonst niemand tut.»

Ob er auf die Oscars und den Ruhm verzichten würde, wenn er den ganzen Skandal hätte vermeiden können:

«Das ist eine sehr interessante Frage, aber wenn ich darüber nachdenke, lautet die Antwort: ja. Das Gefängnis ist ein guter Ort, um über seine Entscheidungen und Prioritäten nachzudenken. All die Oscars und die grossen Filme – darauf bin ich immer noch sehr stolz. Aber was nützen sie mir jetzt noch? Wenn ich noch einmal vor der Wahl stünde, würde ich diesen Tausch gerne eingehen. Ein Leben abseits des Rampenlichts, in dem ich meine Kinder grossziehen und mit meiner Familie zusammen sein kann – das wäre ein viel besseres Leben gewesen.»

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