Heute feiert eine der markantesten und einflussreichsten, phasenweise umstrittensten und am meisten missverstandenen Persönlichkeiten, die die Schweiz je hervorgebracht hat, einen besonderen Meilenstein: Sepp Blatter wird neunzig Jahre alt. In einer Zeit, in der das Urteil über öffentliche Figuren oft vorschnell und einseitig gefällt wird, ist es eine Frage der historischen Gerechtigkeit und intellektuellen Redlichkeit, das Lebenswerk dieses ausserordentlichen Schweizers in seiner Gesamtheit zu würdigen.
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Sepp Blatter ist weit mehr als ein ehemaliger Sportfunktionär. Er ist ein visionärer Impresario, ein Patriot und ein begnadeter Diplomat, der den Fussball aus einer europäischen Nische in die entlegensten Winkel der Erde getragen hat. Unter seiner Führung wurde die Fifa zu einer Organisation, die mit mehr Mitgliedern als die Uno die gesamte Vielfalt und widersprüchliche Komplexität unserer Welt spiegelt. Blatter balancierte das fragile Gleichgewicht globaler Interessen im Schmelztiegel Fifa virtuos. Dem Fussball gab er eine universelle Sprache, auch eine Sprache des Geldes, die Grenzen überwindet.
Als Schweizer hat Sepp Blatter das Aussenbild unseres Landes entscheidend mitgeprägt. Er operierte stets aus der Schweiz heraus und blieb seinen Wurzeln treu – ein Walliser mit Weltformat, der auch als Offizier der Schweizer Armee seinen Dienst an der Gemeinschaft mit Stolz leistete. Nicht von ungefähr verdiente Blatter seine Sporen in der Uhrenbranche ab – auch im Sport avancierte er zum Botschafter, zum Sondergesandten der Schweiz. In seinen unterschiedlichen Positionen bewies er, dass unser Land fähig ist, Institutionen von Weltrang zu führen, zu beherbergen, und dies sogar mit einer gewissen tänzerischen Eleganz.
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade im eigenen Land oft die kritischen Stimmen überwogen. Während Legionen von Journalisten sich auf Blatter einschossen, jeden Fifa-Kongress zum Resonanzboden von Vorwürfen machten, die sich nach ihrem sturzbachartigen Anschwellen dann sofort wieder auflösten wie ein Spuk, wurde die Fifa unter seiner Führung von einem faktisch bankrotten Funktionärsaltersheim zu einer hochpotenten Wirtschaftsorganisation. Dass sich einige Fifa-Leute vom Glanz des Reichtums blenden liessen, ist eine Tatsache, eine menschlich-allzumenschliche.
Roboterhaft erhoben «Investigativreporter» und fussballnahe Rechercheure beweislos den Vorwurf, Blatter sei korrupt, bereichere sich und amte gewissermassen als Capo einer geradezu kriminellen Organisation. Die monströsen Anschuldigungen setzten von Beginn an die Unschuldsvermutung ausser Kraft, führten zur Umkehr der Beweislast und schienen sich zu bestätigen, als 2015 plötzlich amerikanische Ermittler freies Geleit bekamen in der Schweiz und an einem Fifa-Kongress in Zürich ein paar Fifa-Obere wie Schwerverbrecher in Gewahrsam nahmen.
In diesen turbulenten Stunden drohte der Druck den Langzeitpräsidenten zu zermalmen. Blatter hatte wohl sein eigenes Ablaufdatum als Fifa-Chef verpasst, was die Heftigkeit der Angriffe teilweise erklären mag. So stellte er nach massiven Attacken der Amerikaner, widerwillig, sein Amt zur Verfügung, was zu Unrecht als Schuldeingeständnis gewertet wurde, nahm weniger sich selbst, dafür umso mehr die Fifa aus der Schusslinie, ohne jemals offiziell zurückzutreten. Die Gerichtshöfe der Moral hatten ihr gnadenloses Urteil gefällt, und wie so oft in Fällen dieser Art war das Crescendo der Vorverurteilung unendlich lauter als das kaum mehr vernehmliche Räuspern, als Blatter schliesslich von den regulären Gerichtshöfen des Rechtsstaats freigesprochen wurde.
Blatter übernahm Verantwortung auch dort, wo ihn keine persönliche Schuld traf. Das gehört zur Führung, obschon er mitunter mit seinem Erbe hadert und das Loslassen für ihn eine der schwersten Aufgaben war. Ungeachtet all dessen bleibt sein Lebenswerk unbestreitbar: Blatter hat den modernen Fussball, diese Erfindung der einstigen Kolonialmacht Grossbritannien, in die Welt hinausgetragen, demokratisiert und so zu einem globalen Phänomen der Völkerverständigung und «Inklusion» gemacht.
So bewegte dieser Walliser mit dem Fussball die Welt, aus der Schweiz heraus, ein Uhrenmann und Offizier, ein Pionier, neutral und weltoffen, gerade deshalb typisch schweizerisch, wofür er noch heute weltweit und weithin in grossem Ansehen gehalten wird. Im einstigen Schweizer Blatter-Bashing tobte sich wohl auch ein Schweiz-verdrossener Zeitgeist aus. Erfreulich deshalb, dass manche Zeitungen dem früheren Fifa-Präsidenten heute mit entschieden mehr Respekt begegnen als damals, als er noch in Amt und Würden war.
Heute, an seinem 90. Geburtstag, wünschen wir Sepp Blatter, diesem Schweizer, der die Welt bewegte, von Herzen alles Gute, Gesundheit und vor allem den inneren Frieden mit seiner beeindruckenden Lebensleistung. Möge er die Anerkennung erfahren, die er als grosser Schweizer und Visionär verdient hat. Alles Gute, lieber Sepp Blatter – auf die nächsten Jahre bis zum Hundertsten!