Nach anfänglicher Zurückhaltung entwickelte sich Papst Franziskus zu einem passionierten Globetrotter. 46 apostolische Reisen hat er unternommen. Bis nach Ozeanien ist er gereist, um das katholische Glaubensbekenntnis zu verbreiten.
Seine wohl kürzeste Visite führte ihn 2018 in die Schweiz. Die Freundschaft mit einem ehemaligen Papst-Gardisten sicherte mir einen der begehrten Plätze im päpstlichen Flieger.
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Anders als gekrönte Haupter dieser Erde reiste Franziskus nicht in einem ausladenden thronartigen Sitz. Nicht einmal auf einen Erstklass-Platz legte er wert, bloss etwas Beinfreiheit nahm er in Anspruch.
Es war eine kommune Alitalia-Maschine, die Franziskus – wie immer auf seinen Reisen – für den Flug in unser Land benutzte. Einzig ein kleines Detail deutete darauf hin, dass hier ein hoher Gast transportiert wurde: Weisse Nackenkissenüberzüge mit dem päpstlichen Wappen und seinem Wahlspruch «Miserando atque eligendo» (Aus Barmherzigkeit gewählt).

Zum Frühstück gab’s Backwaren, Fingerfood aus Kartonkisten, die bei dem mitfliegenden Medientross allerdings kaum auf Interesse stiessen. Wie eine aufgeregte Kinderschar stürmten die Journalisten in die Maschine, mit Stativen, Kameras und Mikrofonen bewaffnet, und balgten sich um die besten Plätze, um dem Papst noch näher zu sein.
Würde er beim Start ein Stossgebet sprechen? Oder sich ehrfurchtsvoll an den Armlehnen festklammern? Wir sahen es nicht. Ein hauchdünner Vorhang trennte uns Irdische von ihm, dem Pontifex maximus.
Noch im Steigflug über der Insel Elba lüftete sich der Stoff. Und da stand er, leibhaftig, in wolkenweisser Soutane, und blickte milde lächelnd in die Tiefe des Kabinenraums. Wer ihm nicht längst devot ergeben war, erlag ihm ab diesem Moment.
«Dank euch für eure Arbeit», sagte er mit dünner Stimme, «und für alles, was ihr tun werdet, damit diese Reise ein Erfolg wird». Dergestalt erteilte der Pontifex Vorschusslorbeeren, worauf sich jeder Rest an kritischem Journalismus blitzartig in Luft auflöste.
Und dann schritt Franziskus, ganz unermüdlicher Soldat Gottes, den Gang hinunter und grüsste jeden der mitreisenden Journalisten einzeln. Herzhaft streckte er den Arm aus, packte die Hand, zog sie zu sich und nahm Blickkontakt auf.
Demütig reichte ich ihm eines seiner Bücher, das ich vor dem Abflug noch rasch im päpstlichen Merchandise-Shop am Petersplatz erworben hatte, zur Unterschrift.
«Für wen ist das Buch?», wollte der Heilige Vater wissen. «Für meine Eltern», stammelt ich mit trockener Kehle. «Wie geht es ihnen?», erkundigt er sich. «Meine Mutter leidet seit Jahren an offenen Beinen», erwiderte ich, etwas geniert. Der Papst nickte und gelobte, meine Mutter, eine Protestantin, in sein Gebet einzuschliessen. Dann griff er zum Stift und kritzelte ohne Pomp und Eitelkeit «Franziskus» in das Buch.
Ein solches Bad in der Menge, «das hatten Johannes Paul und Benedikt nie gemacht», flüsterte ein Kollege, der schon manche Reise im päpstlichen Medien-Schlepptau mitgemacht hatte.
Dabei war Franziskus, damals 81-jährig, längst nicht mehr gut zu Fuss. Zwei Leibärzte seien mit an Bord, beruhigte eine Stimme aus der vatikanischen Entourage eine aufgeregte Frage mit Hinweis auf die hochsommerlichen Temperaturen während des anstehenden Besuchs in Genf.
Nach einem strapaziösen Marathon durch die Welschschweiz, mit einem Gottesdienst in der Palexpo-Halle als Höhepunkt, musste die Rückkehr in den Flieger für Franziskus eine Erlösung sein. Doch keinen Moment der Ruhe gönnte er sich.
Kaum auf Reiseflughöhe, raschelte abermals der Bordvorhang, der Papst stand wieder da. Tagsüber wirkte er bisweilen abgekämpft, ja abwesend. Jetzt indessen, in himmlischen Sphären, inmitten seiner schreibenden Schafherde, lief er noch einmal auf zur Hochform.
«Dank euch für eure Arbeit», lobte er und stellte sich den Fragen aus dem erlauchten Begleittross. Die Frage der Weltwoche lautete: «Gibt es angesichts der nach Europa strömenden Migranten eine Grenze für Nächstenliebe?» Doch die Antwort des Papstes blieb aus. Die Frage war bereits in der journalisteninternen Vorauswahl aussortiert worden.
Stattdessen erzählte Franziskus über seine Eindrücke in Genf, die gierig aufgesogen und in der salbungsvollen Berichterstattung Einfluss fanden.
Spannender als die huldigenden Worte waren die Insider-Kommentare der langjährigen vatikanischen Korrespondenten. Caroline Pigozzi zum Beispiel, grande reportère bei Paris Match und seit Jahrzehnten mit Päpsten Johannes Paul, Benedikt und Franziskus an Bord, wusste Exklusives aus dem Cockpit zu berichten. Und zwar, dass als Kapitäne ganz besonders gläubige katholische Piloten ausgewählt wurden.
Doch selbst diese Flug-Cracks seien in Anwesenheit des Stellvertreters Gottes auf Erden bisweilen so nervös, dass es durchaus gefährlich werden konnte. Auf einem Flug nach Lourdes beispielsweise habe der französische Pilot auf der Landebahn eine derartige Vollbremsung hingelegt, dass es den Papst in die Gurte katapultiert habe, worauf der Pontifex, Gipfel der Peinlichkeit, sich habe übergeben müssen.
Das wandelnde Papst-Lexikon Pigozzi enthüllte auch das Geheimnis der Stewardessen im Papstflieger. Nur den hübschesten dürften zu diesem Ehrendienst antreten. Auf einer Israelreise habe sich sogar ein preisgekröntes Modell um den Papst gekümmert, eines mit langen, schlanken Beinen. «C’est plus agreable».
Ob sich der Oberste Hirte tatsächlich an den weiblichen Vorzügen geweidet hat, schien mir zweifelhaft. Schliesslich hatte er seine eigene Frau mit an Bord, die Madonna di Bonaria (Maria der guten Winde), Schutzherrin der Seefahrer, in Öl auf Leinwand gepinselt, die Franziskus auch auf der Reise in die Schweiz begleitete, gegenüber seinem Sitz an der Flugzeugwand hängend und fürsorglich lächelnd.
Die Reportage über den Papst-Besuch in der Schweiz ist hier nachzulesen.