Keine andere Speisefolge im Jahr ist emotional so hochvoltig aufgeladen wie das Menü zu Weihnachten, wenn die Familie zu Besuch ist. Dabei ist der Weg zu einem unvergesslichen Essen neben dem Tannenbaum gar nicht so weit.
Die erste und wichtigste Erkenntnis sollte sein, dass die Arbeit der Hobbyköchin oder des Hobbykochs an Weihnachten in erster Linie einen emotionalen und nicht so sehr einen kulinarischen Wert hat. Die Aufmerksamkeit der Gäste ist nicht selten stark geteilt. Wegen der nur unzureichend erzogenen Zwillinge der Schwester, wegen der jährlich zahlreicher werdenden Allergien und Unverträglichkeiten der Schwägerin et cetera.
© KEYSTONE / ALESSANDRO DELLA VALLE
Das schliesst, drittens, die Empfehlung ein, es möglichst einfach zu halten oder etwas zuzubereiten, was sich gut vorbereiten und buchstäblich auf Knopfdruck erwärmen lässt: Schmorgerichte wie Ossobuco oder eine ganze Kalbshaxe werden nur besser, wenn sie nach dem Kochvorgang ruhen können und zum gegebenen Zeitpunkt erwärmt werden.
Wenn es Ente sein soll, eigenen sich geschmorte, gezupfte Schenkel viel besser. Auf keinen Fall Entenbrust, weil der präzise Garpunkt ganz sicher zu Stress in der Küche und danach zu unangenehmen Diskussionen am Tisch führen würde. Selbst Klassiker wie Kartoffelsalat mit gekochtem Schinken (oder Wienerli) lassen sich mit einem gewissen Mass an Aufmerksamkeit für Details auf den Tisch bringen, ohne dass man am Festtag selbst bis zur letzten Minute am Herd stehen und darüber die Nerven verlieren muss: Etwas braune Butter und die Flüssigkeit von eingemachten Gurken beispielsweise geben dem Dressing für den am besten lauwarm servierten Kartoffelsalat eine besondere (festliche) Note.
So gesehen gilt für das Weihnachtsmenü noch viel mehr, was auch sonst ein überzeugendes Prinzip in der privaten Küche ist: Mit Liebe gekochte Wohlfühlgerichte haben die grössere Wirkung als Angeberteller, die mit grosser Geste serviert werden.
David Schnapp ist Kolumnist und Autor des Gault Millau Channels.