Hat Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewonnen?
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Hat Deutschland den Zweiten Weltkrieg gewonnen?

Am 8. Mai gedenkt die Bundesrepublik des Kriegsendes vor achtzig Jahren. Die Rede ist vom «Tag der Befreiung» – als ob die Deutschen zu den Opfern zählten und geholfen hätten, den Nationalsozialismus zu besiegen.

Dieser Text erschien erstmals in der Ausgabe vom 23. April 2025.

Das erste von Adolf Hitler besetzte Land war nicht Österreich oder die Tschechoslowakei, sondern Deutschland. Zu diesem Eindruck könnte man gelangen, wenn man die aktuellen Debatten in der Bundesrepublik über das Ende des Zweiten Weltkriegs verfolgt. Politiker unterschiedlichster Couleur erinnern mit ernstem Gesicht an den «Tag der Befreiung», wie die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht immer häufiger genannt wird. Die Verve, mit der sie das tun, erinnert an den Satz des Publizisten Johannes Gross: «Je länger das Dritte Reich tot ist, umso stärker wird der Widerstand gegen Hitler und die Seinen.»

STRINGER / RIA NOVOSTI/AFP via Getty Images
A picture taken in May 1945 shows Soviet Army soldiers celebrating in Berlin
STRINGER / RIA NOVOSTI/AFP via Getty Images

Nach einem Gottesdienst in der kriegszerstörten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche werden die Spitzen des deutschen Staats am 8. Mai im Bundestag zu einer Gedenkstunde zusammenkommen. Julia Klöckner, die neue Parlamentspräsidentin, hat das Datum zum Präsenztag erklärt, weshalb Abgeordnete, die nicht erscheinen, 200 Euro Strafe zahlen müssen. Die CDU-Politikerin will eine Rede halten, bei der es vor allem um Frauen gehen soll; anschliessend soll der Bundespräsident sprechen. Eingeladen wurde auch das diplomatische Corps, nur Russland und Belarus müssen draussen bleiben.

 

Arbeitsfrei in Berlin

Die Bundesländer wollen ebenfalls das Kriegsende vor achtzig Jahren würdigen. In sieben Ländern ist der 8. Mai staatlicher Gedenktag. Ausgerechnet Ostdeutschland, wo die Rote Armee bei Kriegsende zahllose Gräueltaten beging, tut sich dabei als Vorreiter hervor. Nach Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Thüringen und Berlin ist seit kurzem auch Sachsen mit dabei, nachdem die CDU einem entsprechenden Antrag der Linkspartei zur Mehrheit verhalf. Im Westen begeht nur Bremen einen «Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus».

In Berlin ist der 8. Mai in diesem Jahr sogar arbeitsfrei. Die Koalition aus CDU und SPD bestätigte damit einen früheren Beschluss der abgewählten rot-rot-grünen Landesregierung. Diese hatte den Bewohnern bereits zum 75-Jahr-Jubiläum einen zusätzlichen Feiertag geschenkt. Zum «Tag der Befreiung» organisiert die Landesregierung in diesem Jahr laut ihrem Internetportal eine Themenwoche mit mehr als hundert Veranstaltungen. Höhepunkt soll die Uraufführung eines Oratoriums mit dem Titel «Befreiung» werden.

Mit der historischen Wirklichkeit hat all dies wenig zu tun. Keiner der drei Alliierten hatte 1945 vor, die Deutschen zu befreien. Ziel war es, sie zu besiegen, und zwar so vollständig, dass sie bedingungslos kapitulierten. «Nun stehen wir vor der Höhle, aus der heraus die faschistischen Angreifer uns angegriffen haben», hatte der sowjetische Marschall Tschernjakowski am 12. Januar 1945 seinen Soldaten befohlen. «Wir bleiben erst stehen, nachdem wir sie gesäubert haben.» Gnade gebe es nicht, für niemanden. Und US-Präsident Harry S. Truman wies seinen Generalstab am 10. Mai 1945 an: Deutschland wurde «nicht besetzt zum Zweck seiner Befreiung, sondern als besiegter Feindstaat».

«Je länger das Dritte Reich tot ist, umso stärker wird der Widerstand gegen Hitler und die Seinen.»

Auch die Deutschen waren weit davon entfernt, den alliierten Streitkräften jubelnd entgegenzulaufen. Dazu trugen nicht nur die Massenvergewaltigungen und Erschiessungen beim Einmarsch der Roten Armee bei. Die Mehrheit der Bevölkerung hielt Adolf Hitler vielmehr bis zum Ende weitgehend die Treue. Im Gegensatz zu anderen Ländern bildeten sich in Deutschland weder Partisaneneinheiten, noch kam es hier zu Aufständen.

Stattdessen leistete die Wehrmacht bis zuletzt erbittert Widerstand, vor allem an der Ostfront. Die Kämpfe gingen sogar dann noch weiter, nachdem Hitler am 30. April 1945 Selbstmord begangen hatte. Als Berlin am 2. Mai endlich kapitulierte, waren bei der Schlacht um die deutsche Hauptstadt noch einmal 170.000 Soldaten ums Leben gekommen. Für Historiker steht deshalb ausser Frage: Nicht Deutschland wurde vor achtzig Jahren befreit, sondern Europa von den Deutschen.

Als die Deutschen endlich geschlagen waren, dachten die Alliierten folgerichtig nicht daran, ihnen die Freiheit zu schenken. Die Truppen der Sieger besetzten vielmehr das deutsche Staatsgebiet bis in den letzten Winkel. Sie allein übten die Regierungsgewalt aus, und jede politische Betätigung, auch von Hitler-Gegnern, musste von ihnen genehmigt werden.

Für Millionen Deutsche bedeutete das Kriegsende sogar das Gegenteil von Befreiung. Trotz bedingungsloser Kapitulation nahmen die Alliierten fast elf Millionen Wehrmachtssoldaten gefangen. Über drei Millionen wurden zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert, wo ein Drittel von ihnen starb. Auch Hunderttausende Zivilisten wurden verhaftet und fast 280.000 in sowjetische Arbeitslager verschleppt. Zudem annektierte die UdSSR ein Viertel des deutschen Reichsgebiets und installierte zwischen Oder und Elbe eine neue Diktatur, die erst 1990 unterging.

Eine Befreiung bedeutete der Sieg der Alliierten für die mehr als 700.000 Überlebenden in deutschen Konzentrationslagern. Dasselbe gilt für die acht Millionen ausländischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, wobei Stalin seine Landsleute allerdings gleich wieder in Haft nahm. Auch Deserteure und Regimegegner konnten nach dem 8. Mai aufatmen sowie rassisch Verfolgte ihre Verstecke verlassen. Doch die überwiegende Mehrheit der Deutschen stand 1945 auf der anderen Seite der Barrikade.

 

«Ketten der Hitler-Sklaverei»

Schon früh machte sich in Deutschland das Bedürfnis bemerkbar, die Täterrolle abzustreifen. Als Erstes schlugen sich die Ostdeutschen von der Verlierer- auf die Siegerseite. Sie hatten es dabei besonders leicht, weil die Sowjetunion die Besetzung anderer Länder stets als Befreiung verbrämt hatte. Im Gründungsaufruf der KPD vom Juni 1945 hiess es denn auch, die Rote Armee und ihre Verbündeten hätten dem deutschen Volk «Frieden und Befreiung aus den Ketten der Hitlersklaverei gebracht».

Nach der Gründung der DDR erklärte die SED den 8. Mai zum Feiertag. Bis zur Einführung der Fünf-Tage-Woche 1967 war dieser sogar arbeitsfrei. Strassen und Geschäfte waren dann mit Fahnen und Transparenten geschmückt und Schulklassen wurden zu sowjetischen Soldatenfriedhöfen gekarrt, wo sie sich kommunistische Propagandareden anhören mussten. Pathetische Zeitungsartikel dankten der Roten Armee für die Befreiung, obwohl diese den Ostdeutschen erneut eine Diktatur beschert hatte. «Befreiung?», so raunte man sich in der DDR mit Blick auf die sowjetischen Plünderungen sarkastisch zu, «ja – von Uhren und Fahrrädern!»

Doch der Begriff bot auch Entlastung. Wenn Deutschland 1945 «befreit» worden war, gehörten logischerweise auch die Deutschen zu Hitlers Opfern. Und da der SED-Staat im «Bruderbund» mit der Sowjetunion stand, standen die Ostdeutschen doch auf der Siegerseite des Kriegs. Weil sich die DDR zudem zum «antifaschistischen Staat» erklärte und behauptete, ehemalige Nazis gäbe es nur in Westdeutschland, brauchte man sich mit Schuld und Verstrickung nicht mehr auseinandersetzen.

In der Bundesrepublik setzte eine ähnliche Umdeutung erst später ein. Obwohl die westlichen Siegermächte in ihren Zonen bereits 1946 freie Wahlen zuliessen, gab es aus Sicht der führenden Politiker am 8. Mai nichts zu feiern. Das änderte sich erst 1970, als die sozialliberale Koalition erstmals eine Gedenkstunde anberaumte und Bundespräsident Gustav Heinemann eine Rede hielt. Fünf Jahre später sprach sein Nachfolger Walter Scheel dann von einer «Befreiung von aussen», weil die Deutschen nicht fähig gewesen seien, das «Joch» des Nationalsozialismus abzuschütteln.

1985 hielt Bundespräsident Richard von Weizsäcker schliesslich seine berühmte Rede, in der er autoritativ erklärte: «Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.» Die Feststellung, die hinfort in kaum einer Ansprache unerwähnt blieb, war umso bemerkenswerter, als sein Vater in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu sieben Jahren Haft verurteilt worden war.

Nach der Wiedervereinigung wurde das neue westdeutsche Geschichtsbild auch auf den Osten Deutschlands übertragen, nachdem der sich endlich selbst befreien konnte. Den abgesetzten Kadern der SED, die sich jetzt PDS nannte, war das nur recht, bezeichnete doch nun auch der Westen die Sowjetunion als Befreier. 1995 lud das deutsche Staatsoberhaupt die Siegermächte erstmals zu einem Staatsakt nach Berlin ein, um gemeinsam mit dem französischen Präsidenten, dem britischen Premierminister, dem Vizepräsidenten der USA und dem russischen Ministerpräsidenten den 8. Mai zu feiern. Die Bundesrepublik war nun ebenfalls im Kreis der Sieger angekommen.

Deutschland wurde «nicht besetzt zum Zweck seiner Befreiung, sondern als besiegter Feindstaat».

An der Umdeutung der Geschichte, dass Deutschland 1945 befreit und nicht besiegt worden sei, hat sich seither wenig geändert. 2020, 75 Jahre nach Kriegsende, suchte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das bisherige Gedenken noch einmal zu übertreffen, indem er 1600 Gäste aus dem In- und Ausland zu einem Staatsakt vor dem Reichstag einlud. Doch die Corona-Pandemie machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Politiker der Grünen, der FDP und der Linken forderten damals, den 8. Mai auch bundesweit zum Feiertag zu erklären.

Am liebsten würden die Spitzen der Bundesrepublik auch in diesem Jahr mit den Siegermächten an 1945 erinnern. Doch Putins brutaler Krieg gegen die Ukraine macht einen gemeinsamen Auftritt unmöglich. Und ob Trump bereit gewesen wäre, mit Europa den Sieg über Hitler zu feiern, schien ebenfalls zweifelhaft. Aber für die tonangebenden Politiker und Medien steht längst ausser Frage, dass auch Deutschland ein Opfer des Nationalsozialismus war.

 

Hubertus Knabe ist Historiker an der Universität Würzburg. Sein Buch «Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland» ist bei Langenmüller erschienen.

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