Gut und Böse
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Gut und Böse

Seit Jahrtausenden bekämpfen sich die Menschen aus religiösen Gründen, schlachten sie sich ab, haben sie sich in Arenen geopfert, an Kreuze nageln lassen. Spitzfindigste, in ihren Differenzierungen kaum begreifbare Auslegungen der Bibel haben zu jahrzehntelangen Kriegen geführt. Blicken wir heute in den Mittleren Osten, glauben wir uns einem biblischen Endkampf ausgesetzt, den gütlich beizulegen, unser Vermögen übersteigt. Doch man muss gar nicht ins Ur-Gelände des Juden- und Christentums wie auch des muslimischen Glaubens steigen. Es genügt, das theologisch aufgerüstete Vokabular amerikanischer Politiker zur Kenntnis zu nehmen. Die Religion bleibt ein steter Quell der politischen Inspiration, der Aggression und der Konflikte.

© KEYSTONE / MICHAEL BUHOLZER
A rainbow appears above a tree on a hill in the remote village of Doppleschwand, in the UNESCO Biosphere Entlebuch, central Switzerland on Tuesday, May 21, 2024
© KEYSTONE / MICHAEL BUHOLZER

Daraus haben nicht wenige für sich den Schluss gezogen, mit dem Kapitel des Glaubens abzuschliessen. Sie fühlen sich bestätigt durch die Erkenntnisse der Geschichts- und der Naturwissenschaft, die das in der Bibel so ausführlich erzählte Wundergeschehen entzaubert hätten. Auf diesem Rückzug machen die Kirchen mit, eingeschüchtert und verunsichert durch den Zeitgeist eines gnadenlosen Rationalismus, der nur stehenlässt, was der Mensch sich rätsellos ausdenken und auch selber herstellen kann. An die Stelle des Gewordenen, Gewachsenen und Bestaunten tritt das Fabrizierte, das Gemachte, das Durchschaute. So etwas wie Gott, das Unbegreifliche schlechthin, kann es im Neonlicht dieser Weltanschauung nicht mehr geben.

Man könnte hier nun anfügen, dass alle Menschen letztlich so gebaut sind, dass sie an irgendetwas glauben müssen. Verschwindet der Glaube an den lieben Gott durch die Vordertür, schleichen sich durch die Hintereingänge zahlreiche Ersatzgötter ein, die im Menschen jene Leerstelle besetzen, die sich immer dann auftut, wenn wir uns fragen, woher wir und alles Übrige eigentlich kommen, weshalb etwas existiert und nicht einfach nichts. Das Wunder der Schöpfung, die schiere Unendlichkeit des Universums überfordern unseren Verstand. Also glauben die Nichtgläubigen an alles Mögliche. Viele finden Halt in der Vorstellung, dass sie zu den «Guten» gehören. Dazu brauchen sie die «Bösen», über die sich zu erheben, naturgemäss ein gutes Gefühl erzeugt.

Gegenüber allen anderen Glaubensformen hat der christliche Glaube, so wie ich ihn verstehe, einen entscheidenden Vorteil. Er besteht darin, dass er den Menschen davor bewahrt, sich selber für das Mass aller Dinge, für eine Art Gott zu halten. Menschen sind mit körperlichen Beschränkungen behaftet, aber ihr Geist befähigt sie, über sich hinauszuwachsen, über sich hinauszuschiessen, sich im Licht des Unendlichen zu sehen und ihre Ziele entsprechend hochzuschrauben. Diese Masslosigkeit ist die grosse Gabe, aber eben auch das grosse Problem. In der Politik hat das Fehlen eines den Menschen begrenzenden Glaubens zur Allmacht und zum Terror geführt. Das Christentum ist der Glaube der Entthronung des Menschen, der Machtbrechung.

Doch die eigentlich grösste Botschaft und für mich das Wesen der christlichen Theologie überhaupt lässt sich in der im Grunde simplen Erkenntnis zusammenfassen. Wir Menschen unterstehen der Gunst, der Gnade eines uns wohlgesinnten, zugewandten Gottes. Egal, was wir tun oder anstellen, wir können den Allmächtigen weder durchschauen noch beeinflussen, wir wissen nur um diese Güte, hegen eine dumpfe, aber vollkommen vernünftige Ahnung, dass wir unsere alles ausmachende Existenz einem gewaltigen Geschenk dieser unbekannten Macht verdanken. Unabhängig davon, was wir aus unserem Leben machen oder was uns zustösst durch andere Menschen, über allem steht die Gnade Gottes.

Damit aber hat es sich. All die Versuche der Menschen, durch ein System ausgeklügelter Rituale und theologisch ziselierter Glaubens- und Verhaltensregeln dem Schöpfer näherzukommen, sind vergebens. Wir bleiben die gegenüber Gott ohnmächtig Beschenkten, die Profiteure des Lebens, für das wir nichts können, ausser Dankbarkeit zu empfinden. In dieser Gnadenstheologie, die mir als die entscheidende Errungenschaft der Reformation erscheint, verliert das Wort Hölle jeden Schrecken. Mit dieser Zuchtgeissel, mit dieser Moralpeitsche sicherte die alte Kirche ihre Macht, an der sie sich korrumpierte. Menschen, die anderen Menschen das Heil versprechen, die Rettung vor dem Bösen, dem Feuer, sind Betrüger, sie massen sich an, was nur Gott in seiner Gnade zusteht.

Siehe, die Welt ist nicht verdammt. Bald ist Ostern. Die Gnade ist mit uns, seit der Geburt. Wir gehören, allein schon deshalb, weil wir existieren, zu den Auserwählten. Es wird klar, warum die Verkünder solcher Botschaften von den Gewaltigen der Kirche als Ketzer früher auf den Scheiterhaufen geworfen wurden. Sie haben der Autorität dieser Institution theologisch den Boden entzogen. Es braucht keine Sachwalter und Verkäufer der Gnade auf Erden. Die Kirche ist wichtig, als Verbreiterin ihrer Botschaft, aber nicht als Machtgebilde. Nichts, was der Mensch errichtet hat, kann als heilsvermittelnde Instanz zwischen Gott und Mensch geschoben werden. Das ist Anmassung. Kommt jeder Mensch, auch der Verbrecher, in den Himmel? Selbstverständlich.

Hier liegt die grösste Provokation. Jahrhundertelang sind die Christen verfolgt und umgebracht worden, weil sie den Menschen in seinem Machtanspruch entthronen. Nicht nur politisch, auch moralisch. Es bilde sich ja niemand ein, auf die anderen moralisch herabpredigen zu dürfen, den Gutmenschen zu markieren, sich über andere zu stellen in der Annahme, er stehe höher, näher bei Gott als andere. Immer dann, wenn der Mensch vom Höchsten spricht, sei es von Gott, von «Werten», von «Gut» und «Böse», liegt der Verdacht nahe, er rede von sich selbst. Dieser Missbrauch des Höchsten für eigene, irdische Zwecke des Herrschens und Befehlens ist Moralismus. Der christliche Glaube steht für das Gegenteil.

In jedem Menschen ist Gutes und Böses. Wir alle sind verführbar. Karl Barth formulierte es eindringlich, als er schrieb, die Lebensproblematik eines Lenin oder Dschingis Khan sei die Lebensproblematik eines jeden Menschen, einfach ins Groteske überzerrt aufgrund der Macht und der Möglichkeiten, die diesen Staatsmännern zur Verfügung standen. Niemand weiss, ob er selber, den gleichen Verführungen ausgesetzt, nicht viel schlimmer gehandelt hätte als die angeblichen und tatsächlichen Schurken der Geschichte. Für Hochmut ist kein Platz.

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