Am 24. Mai 2025 um 17.40 Uhr war der AFC Sunderland auf einen Schlag um 200 Millionen Pfund reicher. Stürmer Tom Watson hatte im ausverkauften Wembley den Ball aus halblinker Position in die weite Ecke gezirkelt – in der 95. Minute. Es war die Entscheidung im Play-off-Final um den Aufstieg in die Premier League gegen Sheffield United; die Entscheidung um einen Platz an den schier unerschöpflichen Quellen des englischen TV-Marktes.
Im Zentrum des Jubels: Kyril Louis-Dreyfus, schweizerisch-französischer Doppelbürger, zu Hause in Zürich und Erbe der milliardenschweren Louis-Dreyfus-Dynastie. Im Alter von 23 Jahren hatte er den Klub übernommen. Fünf Jahre später führte er ihn in die Elite zurück.
Dies muss man wissen, wenn man über den Transfer von Granit Xhaka in den unwirtlichen Norden Englands spricht. In Sunderland sind die finanziellen Ressourcen bemerkenswert gross. Aber noch grösser ist die Leidenschaft für den Fussball in dieser tristen Industriestadt. Diese geht so weit, dass man sagen kann: Sunderland ist Fussball – und die Rivalität zu Newcastle United für die meisten Einwohner dieser Gegend noch wichtiger als eine allfällige Gehaltserhöhung.
Wer die Netflix-Serie «Sunderland ’Til I Die» gesehen hat, kann sich die Bedeutung des Fussballs hart an der schottischen Grenze ausmalen. Hier geht es im Fussball nicht um Leben und Tod. Es geht um viel mehr.
So ist der Entscheid von Granit Xhaka, seine Schuhe künftig im Stadium of Light zu schnüren, mehr als blosser finanzieller Pragmatismus. Zwar verdient der Captain der Schweizer Nationalmannschaft an seinem neuen Arbeitsplatz mehr (10 Millionen Pfund) als in Leverkusen (7 Millionen Euro) und ähnlich viel, wie er in Saudi-Arabien hätte kassieren können.
Doch in Sunderland erhält Xhaka das, was im Fussball faktisch unbezahlbar ist: die grenzenlose Leidenschaft der Fans, den Sound einer wunderbaren Arena – und den Groove der englischen Arbeiterklasse. Das Stadium of Light wurde auf dem Gelände eines ehemaligen Kohlebergwerks errichtet – ein symbolischer Ort, der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet. Die Sunderland-Supporters gelten als trotzig loyal – und steckten sogar den Abstieg bis in die Drittklassigkeit weg. Für Xhaka, der in seiner Karriere fast immer um Titel spielte und nun mit Bayer Leverkusen nochmals den Sound der Champions League hätte geniessen können, der perfekte Ort, seine Laufbahn um ein wunderschönes Kapital zu ergänzen – und auch sein Image zu justieren.
In Sunderland zählen harte Arbeit, leidenschaftlicher Kampfgeist und absolute Loyalität. Fairness ist in der DNA der Menschen. Hier werden Helden geboren, auch wenn sie nur um den viertletzten Platz kämpfen. Es ist die ideale Bühne für einen Fussballer, der den Verdacht einer gewissen Abgehobenheit und Arroganz nie hinter sich lassen konnte. Es ist auch für die Schweizer Nationalmannschaft eine grossartige Neuigkeit. Sie zeigt: Granit Xhaka ist noch bereit für die epischen Duelle und die knüppelharten Zweikämpfe. In Sunderland gibt es keine andere Wahl. Xhakas vielleicht letzter Vertrag im Ausland ist kein normaler Kontrakt – er gilt lebenslänglich. Oder mit anderen Worten: Sunderland ’til I die.