Ich erinnere mich noch sehr gut an diese unendlich langen Sommerferien, die meine Freundin Isabell und ich im riesigen Ehebett ihrer Eltern verbracht haben, während wir nichts anderes machten, als tagelang im Halbdunkeln Tennis zu schauen. Bei 30 Grad und Wassermelone. Kurze Röcke, lautes Stöhnen und neonfarbene Stirnbänder. Und an Eltern erinnere ich mich, die glaubten, alles sei möglich, sofern man sich eben Mühe gebe. Es waren die Achtziger, und wir Kinder standen plötzlich im Mittelpunkt der Welt. Wir sollten schöner, sportlicher, erfolgreicher werden als unsere Eltern, Kinder des Wirtschaftswunders.
Tennis war das Symbol dieses Aufbruchs. Wer etwas auf sich hielt, trug Weiss, auch wenn er oder sie nie ein Racket in der Hand hielt. Der Schweiss von Steffi und Bobele, die britische Sonne über Wimbledon – all das formte das ästhetische Gedächtnis einer ganzen Generation. Kein Wunder, lassen sich heute Stücke von Ellesse, Sergio Tacchini oder aus der Vintage-Adidas-Edberg-Collection auf Ebay oder auf Seiten wie Goldenageoftennis.com für das Doppelte des Originalpreises verkaufen. Steffi und Bobele wurden zu Archetypen: blond, ehrgeizig, fehlerlos. Ich war nichts davon – meine Eltern spielten Golf. Aus meiner Perspektive bedeutete das ein viel zu dunkles, nach kaltem Rauch und alten Senfeiern riechendes Klubhaus und einen Weihnachtsmann, der seine Hände definitiv an den falschen Stellen hatte. Die Folge: Ich fand Tennis im Bett gut, wurde Tanzmaus und machte fortan einen wirklich grossen Bogen um sportliche Aktivitäten aller Art. Sternzeichen: Körperklaus.
Als Lacoste und das «Dolder Grand» mich diesen Sommer einluden, ihrem Tennisteam beizutreten, hielt ich das erst für einen eleganten Irrtum. Aber dann kam mein Tenniskleid – weiss, knapp, gefährlich unschuldig –, und ich spürte, wie sich in mir die Idee manifestierte, es doch wenigstens einmal zu versuchen. Für das Kleid, die Freude und die Idee, einfach mal etwas Neues auszuprobieren. Der rote Sandplatz, auf dem unsere wöchentlichen Stunden unter der Choreografie von Trainer Dave stattfinden, liegt zwischen alten Tannen und ist seit fast einem Jahrhundert im Dolderwald versteckt. Ich trat hinaus auf den Platz und war ready für einen Fitzgerald-Moment à la Daisy Buchanan: retro-cool, kontrolliert, perfekt ausgeleuchtet. Die Sonne blitzte durch die Kronen, und der Ball flog – direkt in den Wald. Trotzdem war alles so schön, dass es fast wehtat. Kein Wunder, liebt auch Anna Wintour Tennis: Es ist schön anzusehen, mit präzisen Gesten, aber gnadenlos, sobald man zögert. Und Weiss ist natürlich keine Farbe, sondern immer auch ein Bekenntnis – zur Form, zur Fassade, zur Selbstbeherrschung. Oder um es mit den Worten eines der wichtigsten Innovatoren im europäischen Tennis, Donato Campagnoli von Technogym (dem Ferrari unter den Fitnessmarken), zu sagen: «Tennis ist Rhythmus, Identifikation, Imitation. Es ist der Klang von Zeit und Raum, sichtbar gemacht. In einer fragmentierten Welt sehnen sich die Menschen nach Kohärenz, und ein Ballwechsel schenkt genau das: Rhythmus, Ritual und Erneuerung.»
Jeder Schlag ein Herzschlag
Genau so fühlt es sich an. Alles immer wieder von vorne. Vorwärts, rückwärts, seitwärts, die Qual des Nichtgelingens. Jeder Schlag ein Herzschlag, jeder Fehlschlag eine Einladung zur Demut. Ich begreife, dass es im Tennis nicht primär ums Gewinnen geht, sondern ums Bleiben – ums Ruhig-, Konzentriert-, Schönbleiben. Beginner’s mind nennen die Zenmeister jenen Zustand, in dem man nichts weiss, aber alles erfährt. Das Nichtkönnen ist ein Luxus, den man sich im Erwachsenenleben zu selten leistet. In einer Welt, die ständig nach Optimierung verlangt, ist es ein Akt der Rebellion, wieder Schülerin zu werden. Etwas zu tun, ohne es schon zu beherrschen. Sich nicht zu verstecken hinter Kompetenz, Erfahrung oder Selbstsicherheit. Im Tennis – wie im Leben – ist das gnadenlos ehrlich. Man kann sich keine Rolle basteln, kein Mantra vorsagen. Der Ball verrät alles – zu früh, zu spät, zu hart, zu weich.
Und genau darin liegt die Magie. Disziplin bedeutet plötzlich nicht mehr Härte, sondern Präsenz. Demut wird zur Voraussetzung für jede Verbesserung. Vielleicht ist das das Schönste am Tennis. Dass es uns zwingt, zu vergessen, wer wir glauben zu sein, und uns daran erinnert, wie lebendig das Leben wird, wenn wir loslassen, was wir wissen. Vielleicht ist das der Grund, warum Tennis heute wieder leuchtet – als Ritual in einer Welt, die ständig scrollt. Auf dem Platz wird die Zeit sichtbar. Ein Ball, ein Atemzug, eine Entscheidung. Und während die Designerinnen der Gegenwart, von Sporty & Rich bis Miu Miu, den Tenniscore wiederbeleben und aus einem einstigen Leistungssport eine Attitüde machen – zwischen Wellness, Eleganz und minimalistischer Disziplin –, begreife ich, dass es gar nicht um Mode geht, sondern um Haltung. Tenniscore ist das Gegenteil von Chaos. Es ist die Sehnsucht nach Präzision, nach Struktur, nach einer Ästhetik, die Körper und Geist synchronisiert. Ein weisses Poloshirt wird zum Symbol für Kontrolle in einer überdrehten Welt. Die Falte im Rock, die Linie auf dem Platz, das Bandana im Haar: alles kleine Gesten des Widerstands gegen das Ungeordnete.
Vielleicht sieht man deshalb plötzlich alle spielen: Models, CEOs, Freundinnen auf Capri, Töchter mit ihren Müttern. Kein anderer Sport ist so fotogen, so fordernd, so meditativ. Wer einmal den Klang des Balls im Sommerlicht gehört hat, weiss, warum dieser Sound nie aus der Mode kommt. Tennis ist das neue Yoga – nur mit mehr Stil, mehr Wahrheit und weniger Om. Und ich – 47, in meinem kleinen Tennisrock – begreife auf dem Platz, dass es nie, aber wirklich nie zu spät ist, irgendetwas neu anzufangen. Und dabei auch noch Spass zu haben. Im nächsten Leben werde ich Balljunge!