In einem pointierten Auftritt in der ARD-Sendung «Maischberger» hat die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer eine kritische Bestandsaufnahme der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung sowie der politischen Debattenkultur in Deutschland gezogen. «Wir sind in einer Phase, in der es vorwärts und rückwärts zugleich geht», bilanzierte die EMMA-Herausgeberin im Gespräch mit Moderatorin Sandra Maischberger.
Screenshot ARD
Besonders scharf ins Gericht ging Schwarzer mit der modernen Influencer-Kultur und den damit verbundenen Rollenbildern in den sozialen Medien. Viele junge Frauen würden sich heute an oberflächlichen Trends orientieren, was die Publizistin zu einem drastischen Urteil veranlasste: «Die verblöden ja total.» Als mahnendes Beispiel nannte sie kosmetische Eingriffe und hielt fest: «Aufgespritzte Lippen sehen entsetzlich aus.» Hinter dieser Polemik verbirgt sich Schwarzers Sorge um einen Rückfall in die Anpassung; sie räumte selbstkritisch ein, die Frauenbewegung habe womöglich «nicht genug Obacht gegeben» und zu sehr darauf vertraut, dass erreichte Fortschritte bereits dauerhaft gesichert seien.
Für einen der spannungsreichsten Momente der Sendung sorgte die Konfrontation mit der Personalie Alice Weidel. Auf die Frage, wie sie zur AfD-Politikerin stehe, antwortete Schwarzer: «Ich halte Sie für eine wirklich sehr tüchtige Frau. Das darf ich doch noch, oder?» Gleichzeitig wehrte sie sich vehement gegen den Versuch, sie durch die Thematisierung von Weidels Familienmodell zu einem Urteil über die AfD-Co-Chefin drängen zu lassen: «Es geht doch nur darum, den Namen Schwarzer in die Nähe von Weidel zu rücken und dann zu rufen: Skandal!» Das Klima in der derzeitigen Debattenkultur sei «bedrückend», weil sofort «eine Hysterie» ausbreche, sobald der Name Weidel oder AfD falle. Als Maischberger nachhakte – «Es war eigentlich nur eine einfache Frage, wie du zur AfD stehst» – entgegnete Schwarzer knapp, das sei ja bekannt: «Ich habe doch in meinem ganzen Leben noch nichts Positives über die AfD gesagt.»
Die Skepsis gegenüber ideologischen Grabenkämpfen übertrug Schwarzer auch auf die internationale Bühne. Mit Blick auf die US-Aussenpolitik unter Donald Trump erteilte sie militärischen Lösungen eine Absage. Die Vorstellung, man könne Diplomatie durch Bomben ersetzen, bezeichnete sie als «hoffnungslos» und als einen Fehler, den Amerika nun «zum X-ten Mal» begehe. «Sie werden nur wieder Tote und verbrannte Erde zurücklassen», so Schwarzer. Diese Form der Intervention biete keine Perspektive – insbesondere nicht für die Frauen in Ländern wie dem Iran, deren Befreiung oft als Vorwand diene.
Auch ihre Erfahrungen aus einem Besuch im Iran im Jahr 1979 flossen in das Gespräch ein. Mit Blick auf die aktuelle Situation der Frauen dort und die westliche Debatte über religiöse Symbole stellte sie fest: «Es hat eine gewisse Tragik, wenn man denkt, dass man in Demokratien um das Recht auf das Kopftuch kämpft», während Frauen im Iran unter Lebensgefahr für ihre Freiheit demonstrieren würden. Auf die abschliessende Frage von Maischberger, ob Angela Merkel für Frauen eine Ermutigung gewesen sei, antwortete Schwarzer: «Aber natürlich war sie das».