Am 8. September fällt die Regierung, das Parlament entzieht ihr das Vertrauen, das sie eh nie in sie hatte. Die Agenda seines angekündigten Sturzes hat der Premierminister François Bayrou selbst festgelegt.
Zwei Tage später bricht die Revolution aus. Nicht einmal der innenpolitische Geheimdienst weiss, wer im Sommerloch die Parole «Bloquons tout» ausgegeben hat. Schneller als die Waldbrände verbreitete sie sich, beflügelt von der Vision einer Neuauflage der Gelbwesten-Revolte. Sie wollten Macron stürzen.
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Inzwischen haben sich alle Linksparteien und die Gewerkschaften der rätselhaften Bewegung angeschlossen und ihre Chaosstrategie übernommen. Sie rufen den Generalstreik aus und wollen ihr Land, das sich im Stillstand befindet, lahmlegen – und das sein Präsident verzweifelt für den kommenden Krieg zu mobilisieren versucht.
Fast täglich liess Premierminister François Bayrou die Franzosen wissen, dass er als einziger keine Ferien macht. Er arbeitete am Budget. Vierzig Milliarden muss er einsparen. Als er bei seinen Ministern eine Vernehmlassung bezüglich ihrer Sparvorschläge machte, blieben unter dem Strich satte Mehrausgaben.
Also wandte er sich direkt ans Volk. Den ganzen Sommer über veröffentlichte der Premierminister, der langsam spricht und leicht stottert. Videos. Er zitierte Churchill versprach Blut, Schweiss und Tränen: Zwei Feiertage wollte er streichen. Und für geschwänzte Termine beim Arzt fünf Euro Selbstbehalt einführen.
Seinen Vorgänger Michel Barnier hatte das Parlament aus eigener Initiative entmachtet. Geschickt spielte Bayrou ohne Mehrheit auf Zeit und die Extremisten gegeneinander aus. Er überlebte mehrere Misstrauensanträge – und manövrierte nebenbei Macron ins Abseits. Es gelang ihm, einen Prozess der Bewusstseinsbildung anzustossen.
Doch nun beging er – in Panik oder aus Überheblichkeit – den gleichen Fehler wie Macron mit der Auflösung des Parlaments: er kündigte an, dass er die Vertrauensfrage stellen werde. Am 8. September. Noch bevor sein definitives Budget bekannt ist, hat eine Mehrheit angekündigt, dass sie ihm das Vertrauen verweigern werde. Ein Jahr nach dem Sommermärchen mit den Olympischen Spielen ist der Alptraum zurück. Frankreich erweckt den Eindruck eines kollektiven Suizids.
Ob Macron Neuwahlen ausschreiben oder für den Schleudersitz einen neuen Premierminister suchen will, ist nicht bekannt. Einen linken, einen rechten? Klar ist nur: Er bleibt.
Dafür kann François Bayrou nächstens Ferien machen.