Die ukrainische Antikorruptionsbehörde Nabu ist nach monatelangen Untersuchungen einem mutmasslichen Schmiergeldsystem im Energiesektor auf die Schliche gekommen. Hochrangige Politiker und Geschäftsmänner werden beschuldigt, Lieferanten des nationalen Atomkonzerns Energoatom Gelder im Umfang von 100 Millionen Dollar abgepresst zu haben.
Im Mittelpunkt der Affäre steht Timur Minditsch, ein ehemaliger Geschäftspartner des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Minditsch, der unter dem Codenamen «Karlson» als Kopf einer kriminellen Vereinigung agiert haben soll, hat die Ukraine vor kurzem verlassen und ist nach Israel geflüchtet. Vermutlich konnte er auf eine schützende Hand von ganz oben zählen. Beobachter gehen davon aus, dass er frühzeitig gewarnt worden sei.
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Gewarnt sein dürfte auch die Schweiz. Gemäss Berichten liebäugelt Minditsch damit, in der Alpenrepublik Unterschlupf zu bekommen. Der Geschäftsmann sei dabei, ein Haus in der Schweiz zu kaufen. Das soll kürzlich dessen Finanzberater Oleksandr Zukerman während eines Telefongesprächs gesagt haben, wie die Süddeutsche Zeitung wissen will. Die Rede sei von sechs Millionen Franken gewesen, die in die «Schweiz gezahlt werden» müssten.
Getätigt habe Minditschs Finanzberater diese Aussagen während der fünfzehn Monate lang dauernden Ermittlungen. Hat Minditsch in dieser Zeit möglicherweise eine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz beantragt? Und wie reagierten die Schweizer Behörden darauf, Monate oder Wochen bevor der Korruptionsskandal jetzt an die Weltöffentlichkeit gelangt ist?
Die Weltwoche hat mehrere kantonale Migrationsämter dazu befragt. Diese halten sich alle bedeckt. Genauso das Staatssekretariat für Migration (SEM) und das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit. Die beiden Bundesbehörden geben nichts preis. Selbst die Frage, ob Minditsch sich in diesem Jahr einmal auf Schweizer Boden bewegt hat, beantworten sie nicht. «Aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes können wir uns nicht zu Einzelpersonen äussern», heisst es aus dem SEM.
Die Zurückhaltung verwundert. Im Falle des syrischen Übergangspräsidenten Achmed al-Scharaa etwa zeigte sich das SEM jüngst noch transparenter. Gegenüber der Weltwoche bestätigte die Behörde zumindest, dass al-Scharaa in den Jahren 2024 und 2025 nie in die Schweiz eingereist sei.
Bei Minditsch jedoch wird gemauert. Öffnen die Schweizer Behörden, die in den letzten Jahren für Korruptionsbekämpfung in aller Welt rund 100 Millionen Franken ausgegeben haben, gerade die Tore für einen der mutmasslich korruptesten Geschäftsmänner der Ukraine?
Bis jetzt zumindest bleiben die Behörden ihre Antworten schuldig.