In Deutschland wird die Nachfolge im höchsten Staatsamt inzwischen fast reflexhaft mit einem Satz eröffnet: «Jetzt ist eine Frau dran.»
Selbst Angela Merkel, sechzehn Jahre Bundeskanzlerin und längst der sichtbarste Beleg, dass Frauen die Spitze der Republik erreichen, wird als mögliche Bundespräsidentin gehandelt – weniger wegen einer erkennbaren Integrationsleistung für Bellevue als wegen der Signalwirkung. Genau hier beginnt das Fetischhafte: Ein Merkmal wird moralisch so aufgeladen, dass es alle anderen Kriterien überstrahlt. «Frau» fungiert dann als Gütesiegel, als Ersatz für Autorität, Urteilskraft, Unabhängigkeit und die Fähigkeit, ein polarisiertes Land wirklich zu verbinden.
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Diese Debatte passt auffällig gut zur überbordenden Gender-Ideologie, die in Deutschland häufig nicht als nüchterne Gleichberechtigungspolitik auftritt, sondern als Deutungsregime: Sprache wird zur Gesinnungsfrage, Kategorien werden einerseits als «konstruiert» erklärt, andererseits in Quoten, Gremienlogiken und Symbolentscheidungen wieder absolut gesetzt.
Man predigt Komplexität – und landet politisch bei der simpelsten Schablone: Frau oder Mann. Das ist der ideologische Kurzschluss: Der Staat soll Vielfalt feiern, aber seine wichtigsten Rollen werden nach Identitätsmarkern verteilt, als wäre Repräsentation ein Sammelalbum historischer Korrekturen.
Die Abkürzung ist bequem. Wer wirklich eine Integrationsfigur sucht, muss heikle Fragen stellen: Wer kann Vertrauen stiften, ohne moralisch zu belehren? Wer kann Konflikte benennen, ohne sie zu instrumentalisieren? Wer steht über Parteien, ohne zur Stimme einer Blase zu werden? Das Symbol «erste Frau im Amt» liefert dagegen sofort Applaus und erspart den Streit um Massstäbe. Und es immunisiert sich gegen Kritik: Wer nach Qualifikation fragt, gilt schnell als rückständig.
Am Ende schadet diese Fetischisierung gerade Frauen, weil sie den Verdacht nährt, eine Kandidatin sei «wegen des Signals» da. Fortschritt entsteht nicht durch Etiketten, sondern durch gleiche Massstäbe. Eine Bundespräsidentin wäre ein starkes Zeichen – wenn sie Ergebnis einer überzeugenden Auswahl ist, nicht deren Ersatzbegründung.
Eine Bundespräsidentin wäre kein Rückfall. Der Rückfall beginnt dort, wo man so tut, als sei «Frau» bereits ein politisches Programm. Wo man das Symbol höher hängt als das Urteil. Wo man Vielfalt predigt und dann die simpelste Kategorie zur Heilsbotschaft macht.
Fortschritt bedeutet nicht, das richtige Etikett zu wählen. Fortschritt bedeutet, die richtigen Massstäbe zu setzen – und dann die Persönlichkeit zu finden, die ihnen entspricht.
Wenn diese Persönlichkeit eine Frau ist: umso besser. Wenn nicht: auch kein Makel.
Entscheidend ist, ob das Land im Schloss Bellevue eine Stimme bekommt, die wirklich verbindet – nicht eine, die nur gut aussieht auf dem Plakat des Zeitgeists. Wie soll eigentlich der karriereorientierte Mann damit umgehen, wenn er ständig diskriminiert wird und keine Chancen mehr bekommt?
Deutschland schafft sich ab, zumindest für Männer. Wer soll sich eigentlich noch für politische Ämter und Professuren bewerben – als Mann?
Dr. Florian Hartleb ist Professor für International Relations an der Modul-Universität Wien sowie Autor seines im Herbst 2025 erschienenen neuen Buchs «Teenager-Terroristen. Wie unsere Kinder radikalisiert werden – und wie wir sie schützen können».