Eigentlich sollte er im Verbund mit dem «Aussenkanzler» und seinem Amt Aussenpolitik aus einem Guss machen. Doch seit Amtsantritt macht Bundeaussenminister Johann Wadephul (CDU) eher Politik für den Ausguss.
Die Scherze, die sie in der Union über den Aussenminister machen, werden immer bitterer und böser. Denn inzwischen ist aus der vermeintlichen Stütze für den Kanzler ein ernsthaftes Ärgernis für die Union insgesamt geworden. Hört man sich in der Bundestagsfraktion von CDU/CSU um, so wird nicht mehr ausgeschlossen, dass der «Chefdiplomat» zum ersten Abgang der Koalition werden könnte, die in diesen Tagen gerade mal ein halbes Jahr im Amt ist. «Wadephul wackelt», titelte die Bild-Zeitung. Bislang kommt Geschlossenheit noch vor dem Fall. Noch.
KAY NIETFELD / KEYSTONE
Fettnapf, wo bist du? Ich komme! Wadephul gibt für die Union keine gute Figur ab. Nannte man den aus Schleswig-Holstein stammenden Politiker in den eigenen Reihen bisher beim verhunzten Nachnamen «what a fool» (enl.: was für ein Narr!), so hat Wadephuls jüngster Fauxpas vor allem bei der CSU das Fass zum Überlaufen gebracht. «Kurzfristig können sie nicht zurückkehren», sagte Wadephul während seiner Syrien-Reise bei der Besichtigung zerstörter Stadtviertel und lieferte damit ministerielle Expertise allen deutschen Verwaltungsgerichten frei Haus, die jetzt oder demnächst über die Rückkehr syrischer Migranten zu entscheiden haben.
Im Hause von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) herrschte Fassungslosigkeit, als die ersten Meldungen mit dem Zitat über die Agenturen liefen. Auch Kanzler Friedrich Merz hatte während seines Türkei-Besuchs mit Präsident Erdogan über die Rückkehr deutscher Syrien-Flüchtlinge gesprochen. Doch obwohl Kanzler Friedrich Merz (CDU) selbst und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) den Aussenminister öffentlich korrigierten und sowohl Regierungssprecher Stefan Kornelius und Unionsfraktionschef Jens Spahn (CDU) Wadephul widersprachen, legte dieser am Dienstag in der Fraktionssitzung noch nach und verglich Syrien mit «Deutschland 1945» und wurde schliesslich mit der peinlichen Selbstbeschreibung zitiert: «Ich bin kein Weichei» und werde nicht aus von seinem grün-dominierten Haus geführt. Wer kein «Weichei» ist, muss andere davon nicht erst überzeugen.
«Ganz gleich, wo man auf der Welt einen Fettnapf aufstellt», grantelt einer aus der CSU-Spitze, «Wadephul fliegt hin und tritt hinein». Fakt ist, dass Wadephul für die Bundesregierung wegen seiner Peinlich-Patzer von Anfang an immer mehr zum Problem.
Im Juli plauderte er unabgesprochen bei einer Auslandsreise aus, dass Deutschland mittelfristig fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung ausgeben werde und provozierte damit den Koalitionspartner SPD, mit der die Sache noch nicht abgesprochen war. Wadephul sprach von einer «Zwangssolidarität mit Israel», als wäre die historische Verbindung mit dem jüdischen Staat eine lästige Pflichtübung. Etwas später stellte er im Alleingang wegen der Lage in Gaza die Waffenlieferungen an Israel infrage, bevor Kanzler und Koalition dazu überhaupt gesprochen hatten.
Wadephul gratulierte seiner Amtsvorgängerin Annalena Baerbock (Grüne) euphorisch per Twitter zum Antritt ihres neuen Uno-Jobs in New York, so dass sich viele in der Union fragten, ob der Minister etwa die grünen Jubel-Beamten von Baerbock übernommen habe. Mit einer feinen Nase für falsches Timing kritisierte er kurz vor der US-Reise des Kanzlers den Stil der Trump-Regierung als «irritierend» und «gewöhnungsbedürftig» und sprang mit China erst kürzlich so rüde und undiplomatisch um, dass man ihn in Peking einfach auflaufen liess und er seinen geplanten Besuch mangels Gesprächspartnern absagen musste.
Einstweilen wackelt Wadephul nur in der Amtsführung. Entlassen wird er deshalb vermutlich noch nicht so bald. Aber den Titel «Minister auf Bewährung» hat er sicher, heisst es in der Unionsfraktion.