Ende September 2025 hielt der neue US-Fed-Governor Stephen I. Miran, ehemaliger Wirtschaftsberater von Präsident Trump, seine Jungfernrede beim Economic Club in New York. Beim Fed-Meeting vom 19. September war er bereits dabei – und votierte als Einziger für eine Zinssenkung um 50 Basispunkte (BP).
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In seiner Rede legte Miran erstmals seine geldpolitische Denkschule offen. Zunächst bemühte er sich, Vorurteile zu entkräften: Er sei unabhängig, habe keine Anweisungen des Präsidenten erhalten. Zwar lobte er die jüngsten Fortschritte beim Abbau der Fed-Bilanz, kritisierte aber, die Notenbank mische sich in Themen ein, die nicht zu ihrem Mandat gehörten – etwa Klimaschutz oder Sicherheit. Er wolle sich künftig auf die Kernaufgaben konzentrieren und mehr Transparenz schaffen.
Miran forderte, den Leitzins rasch in mehreren 50-BP-Schritten auf 2 bis 2,5 Prozent zu senken. Die jüngsten Arbeitsmarktdaten deuteten auf zunehmende Risiken für den Jobmarkt hin. Die aktuelle Geldpolitik sei zu restriktiv. Zinssenkungen könnten sich bis 2027 erstrecken. Die Fed solle sich auf kurze Laufzeiten konzentrieren, nicht auf die Steuerung langfristiger Zinsen. Zinssenkungen würden auch die Hypothekarzinsen senken – ohne gezielte Marktinterventionen. Für 2025 erwartet Miran ein BIP-Wachstum von 2,5 Prozent, identisch mit der Prognose von Fed-Präsident Powell. Die Inflation soll bis 2027 unter 1,5 Prozent fallen.
Bemerkenswert war die detaillierte Herleitung seines Zinssenkungswunsches. Miran outete sich als Anhänger der Taylor Rule – einer einfachen geldpolitischen Faustregel, basierend auf Inflation, dem Gleichgewichtszins und der Output-Lücke. Er räumte zwar ein, dass deren Anwendung mit Unsicherheiten behaftet sei – besonders hinsichtlich des potenziellen Outputs und der natürlichen Arbeitslosenquote.
Laut Miran rechtfertigt der erwartete Inflationsrückgang Zinssenkungen um 47 bis 60 BP. Günstigere Wohnkosten seien dafür zentral – niedrigere Zuwanderung und bessere Finanzierung würden die Mieten um rund 1 Prozent pro Jahr drücken. Die Wohnkosten-Deflation werde sich jedoch über Jahre erstrecken. Politische Massnahmen wie die «One Big Beautiful Bill», geänderte Einwanderungs- und Zollpolitik würden das natürliche Zinsniveau senken – weitere 140 BP seien möglich. Demgegenüber könnten Deregulierung und Energiepolitik das Wachstum stärken und Zinserhöhungen um bis zu 20 BP rechtfertigen.
Fazit: Die präzise Quantifizierung der Zinssenkungen bis auf die zweite Kommastelle vermittelt einen irreführenden Eindruck von Wissenschaftlichkeit. Mirans Modellgläubigkeit und Annahmen erscheinen willkürlich und wenig nachvollziehbar. Ich hatte einst Gelegenheit, John Taylor selbst zu hören – er relativierte seine Regel deutlich. Sie allerdings zur Grundlage der Geldpolitik zu machen, wäre gefährlich. Dennoch ist es denkbar, dass sich Mirans Linie durchsetzt und die Zinsen in den USA tatsächlich um zwei Prozentpunkte sinken. Das würde den Staatshaushalt entlasten, aber die Verschuldung nicht abbauen – allenfalls das Defizit verringern.
Im Mai 2026 endet die Amtszeit von Fed-Chef Powell. Es gilt als möglich, dass Trump seinen Vertrauten Miran zu dessen Nachfolger macht. Ob ein derart modellgläubiger Ökonom die ideale Besetzung wäre, ist fraglich. Eine solche Personalie könnte das Vertrauen in die Unabhängigkeit des US-Fed untergraben – und den Dollar weiter gegenüber dem Franken schwächen.