An der Delegiertenversammlung der FDP vom 18. Oktober 2025, an der über die Haltung der Partei zum Unterwerfungsvertrag und über die Unterstellung dieser wichtigen Vorlage unter das obligatorische Referendum entschieden wurde, brachte Bundesrat Ignazio Cassis erneut die längst widerlegte Behauptung vor: «Jeder zweite Franken wird im Ausland verdient!» Er glaubte wohl, damit die Unverzichtbarkeit der EU für unsere Wirtschaft beweisen zu können – und somit die Alternativlosigkeit des Vertragspakets. Dieses Mantra wird seit Jahren wiederholt.
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Über kleinere statistische Unterschiede mag man zwar streiten, etwa ob Gold- und andere Transitgeschäfte einbezogen werden sollen oder nicht. Doch die offiziellen Aussenhandelszahlen des Bundesamts für Statistik zeigen klar: Die Exporte der Schweiz erreichten 2024 rund 33 Prozent des nominalen Bruttoinlandprodukts (BIP). In den ersten neun Monaten 2025 lag dieser Anteil bei 32 Prozent. Der Anteil der Schweizer Ausfuhren in die EU am BIP betrug in beiden Zeiträumen rund 17 Prozent. Hinzu kommt, dass diese Exporte je nach Branche erhebliche Importe von Roh- und Zwischenprodukten enthalten. Die effektive Wertschöpfung ist also noch kleiner.
Der erste Fehler liegt in der Gleichsetzung von Umsatz und Gewinn. «Verdienen» ist nicht gleich «Umsatz» – das weiss jeder Unternehmer. Zweitens tragen nur die Handelsbilanzsalden (Exporte minus Importe) zum BIP bei. Gegenüber der EU fällt dieser Saldo sogar negativ aus. Das «grosse Geld» verdient die Schweiz im Handel mit den USA und dem Rest der Welt. Die gesamten Handelsüberschüsse beliefen sich 2024 auf 7,1 Prozent des BIP. Gegenüber der EU ergab sich ein negativer Beitrag von 1,5 Prozent, der durch Überschüsse gegenüber den übrigen Ländern von 8,6 Prozent mehr als kompensiert wurde. Wie man unter diesen Umständen behaupten kann, «jeder zweite Franken» werde im Ausland verdient, bleibt unverständlich. Drittens ist auch die nominale Dienstleistungsbilanz (Export und Import von Dienstleistungen) seit 2017 defizitär.
Es wäre an der Zeit, dass die Entourage des Aussenministers ihm endlich korrekte Zahlen liefert – damit seine geringen Kenntnisse in wirtschaftlichen Fragen nicht weiter so offenkundig werden. Falsche Behauptungen werden nicht wahr, nur weil man sie ständig wiederholt.