Für den früheren polnischen Brigadegeneral Tomasz Bak ist der jüngste Drohnenangriff auf polnisches Territorium ein deutliches Signal: «Russland testet unsere Reaktionsfähigkeit und die der Nato.» Die unbemannten Flugkörper, die ohne Sprengstoff übers Grenzgebiet geschickt wurden, richteten keine grösseren Schäden an – doch seien sie trotzdem brisant. «Es ist ein Testlauf, eine Provokation, um zu prüfen, wo unsere Systeme Schwachstellen haben», sagt Bak. Er spricht von einem «Weckruf – nicht nur für Warschau, sondern für die gesamte Allianz». Moskau prüfe nicht nur «unsere Technik, sondern auch unseren politischen Willen».
WSPIA
Der 59-Jährige lehrt heute, nach einer langen Karriere in der polnischen Armee, Sicherheitspolitik an der Hochschule für Recht und Verwaltung in Rzeszow, einer Regionalhauptstadt im Südosten Polens. Der Flughafen der Stadt ist der zentrale Umschlagplatz für Waffen- und andere Lieferungen aus den USA und der Nato an die Ukraine.
Die wachsende Bedrohung für Polen und die Nato hat Warschau veranlasst, mehr für die Abwehr auszugeben. Mit einem Verteidigungsbudget von 4,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts investiert Polen bereits heute mehr als jedes andere europäische Land in seine Streitkräfte. In Kürze sollen es sogar 5 Prozent sein.
Nato-Schwachstelle an der Ostflanke
Zum Vergleich: Die meisten Nato-Partner erfüllen nur knapp die 2-Prozent-Vorgabe. Bak hat dafür wenig Verständnis. «Wir müssen vorbereitet sein, das ist unsere historische Erfahrung», sagt er und fügt hinzu: «Heute verfügt Polen über eine der modernsten Armeen Europas.» Kampfpanzer aus Korea und den USA, neueste Flugabwehrsysteme, eine wachsende Flotte von Drohnen – Warschau setze auf Hightech und Masse zugleich. «Unser Land sieht sich nicht nur als östlicher Schutzschild, sondern auch als treibende Kraft für die militärische Handlungsfähigkeit Europas», betont Bak.
«Angesichts der Bedrohung könnte Polen vielleicht vor der Entscheidung stehen, die obligatorische Wehrpflicht von mindestens sechs Monaten wieder einzuführen», so Bak. Sie war 2009 abgeschafft worden. Seither stützt sich die polnische Armee auf Berufs- und Vertragssoldaten sowie auf Freiwillige in Territorialverteidigungseinheiten.
In den Planspielen der polnischen Strategen taucht ein Szenario immer wieder auf: ein russischer Angriff im Suwalki-Korridor, jener schmalen Landbrücke zwischen Belarus und der russischen Exklave Kaliningrad. Dieser Streifen gilt als Schwachstelle der Nato-Ostflanke. Ein Angriff dort könnte die baltischen Staaten vom Bündnis trennen und Polen zwingen, erhebliche Kräfte zu binden.
Die heimische Rüstungsindustrie produziert inzwischen Aufklärungs- und Kampfdrohnen, die nach Baks Worten den Vergleich mit ausländischen Modellen nicht scheuen müssen. So entwickelt die Firma WB Electronics Aufklärungs- und Kamikazedrohnen sowie elektronische Abwehrsysteme, die auch an Nato-Partner und in die Ukraine geliefert werden. Der staatliche Konzern PGZ produziert unter anderem Radar- und Überwachungssysteme sowie Komponenten zur Drohnenabwehr. Beide Unternehmen stehen im Zentrum von Polens Strategie, die eigene Rüstungsindustrie massiv auszubauen.
Partnerschaft mit den USA
Für Polen sei -Verteidigungsbereitschaft auch ein politisches Signal: Das Land positioniert sich als militärischer Motor Europas – entschlossen, Moskau zu widerstehen, und bereit, die Sicherheitsarchitektur des Kontinents mitzugestalten.
Die Partnerschaft mit den USA bleibe zwar der wichtigste Pfeiler, sagt Bak. Sollte Washington aber seinen Fokus künftig stärker auf Asien richten, könnte Polen eine führende Rolle in der europäischen Verteidigung übernehmen.
Der russische Angriffskrieg gegen die -Ukraine hat die Schwächen Europas offengelegt: zu geringe Instandsetzungskapazitäten, fehlende Mobilisierungsmöglichkeit, Nachschubprobleme. Polen will diese Fehler vermeiden. Dank seiner strategischen Pläne werde Polen zur zweitgrössten und drittmodernsten Armee Europas sowie zur drittgrössten innerhalb der Nato aufsteigen, sagt Bak. Von Deutschland erwarte er keinen ähnlich dynamischen Prozess. «Wir sehen uns deshalb gezwungen, die Führung zu übernehmen», so Bak.

