Die traditionelle «Churchill-Rede» an der Universität Zürich wird in diesem Jahr von Kaja Kallas gehalten, der EU-Aussenbeauftragen. Als «Undiplomatin» hat sie das Magazin Spiegel einst bezeichnet. Russische Medien nannten sie in ihrer Zeit als Premierministerin von Estland noch weniger schmeichelhaft «Kassandra».
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Geschuldet sind die Begriffe der Tatsache, dass Kallas gern deutliche Worte verwendet. Vor Wladimir Putin hat sie jahrelang gewarnt, was im Westen vor dem Krieg in der Ukraine gern als «alarmistisch» abgetan wurde. Auch gegenüber Donald Trump nimmt sie immer wieder klar Stellung.
Das Verhältnis der Estin zu Russland ist kein theoretisches, sondern ein existenzielles. Ihre Familiengeschichte ist eine Narbe der sowjetischen Besatzung: Ihr Urgrossvater war Mitbegründer der ersten Republik Estland, ihr Grossvater wurde in ein sibirisches Lager verschleppt. Ihre Mutter war erst sechs Monate alt, als sie in einem Viehwaggon nach Sibirien deportiert wurde.
Nach einer Karriere als Wirtschaftsanwältin wurde Kaja Kallas 2021 Estlands erste Regierungschefin. Während Berlin und Paris noch auf Wandel durch Handel setzten, warnte sie bereits unermüdlich vor Putins Imperialismus.
Als EU-Chefdiplomatin hat sich Kallas’ Rhetorik kaum verändert, ob gegenüber Moskau oder bei kritischen Tönen in Richtung Washington. Von Nachgiebigkeit hält sie nichts, und Freiheit sieht sie nicht als Naturzustand, sondern als ein Privileg, das jeden Tag verteidigt werden muss.
Einen «Technokraten-Talk» wird Kaja Kallas heute in Zürich also kaum abliefern, sondern aus dem eigenen Erleben schöpfen. Ob ihre Lebensgeschichte die richtige Basis für die Position als EU-Aussenbeauftragte ist, die viel Fingerspitzengefühl erfordert, ist wiederum eine andere Frage.