«In diesem Jahr kam ich kaum zum Lesen», schreibt Günther Dissertori, Rektor der ETH Zürich, in der Umschau «Bücher des Jahres» in der aktuellen Ausgabe der Weltwoche.
Aber «Eva schläft» von Francesca Melandri hat mich gefesselt. Die Geschichte spielt in meiner Heimat Südtirol in den 1930er bis 1970er Jahren. Viele Elemente der Rahmenhandlung kenne ich aus Erzählungen meiner Familie und auch aus persönlichen Erlebnissen und Erinnerungen in meiner Kindheit. «Eva schläft» erzählt die Geschichte einer Familie in schwierigsten Verhältnissen zwischen und nach den beiden Weltkriegen und zwischen zwei Kulturen.
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In diese unruhige Zeit bettet Francesca Melandri eine fiktive Handlung: Die junge Gerda bringt ihre Tochter Eva unehelich zur Welt und kämpft um ein würdiges Leben für beide. Eva wächst bei einer Grossfamilie auf, während Gerda im Hotel arbeitet. Evas enger Freund Ulli zerbricht an seiner unterdrückten Homosexualität. Gerda verliebt sich in den Carabiniere Vito, der zwischen Pflicht, Familie und Liebe zerrieben wird. Die Lektüre von Francesca Melandris Roman erinnerte mich an den Kontrast zwischen der konfliktreichen Vergangenheit und dem heutigen friedlichen, autonomen und kulturell selbstbewussten Südtirol. Und wie die Geschicke einer ganzen Region von der Weisheit einzelner Menschen abhängen können, in diesem Falle zwei Politiker (Silvius Magnago und Aldo Moro) auf der jeweils anderen Seite.
Francesca Melandri: Eva schläft. Wagenbach. 440 S., Fr. 24.90