Kay Axhausen stammt aus Heidelberg und wirkte ab 1999 als Professor für Verkehrsplanung und Transportsysteme an der ETH Zürich. Sein bevorzugtes Transportsystem ist das Velo. Da mittlerweile pensioniert, hat Professor Axhausen Zeit, an der Vision einer «E-Bike-City» zu werkeln. Das Ziel ist es, den E-Bikes, Velos und E-Trottinettes mehr, viel mehr Platz zu verschaffen.
Laut NZZ sollen in Zürich dank Axhausen und Konsorten die Hälfte aller Strassen zu E-Bike-Strecken umgewandelt werden. Für die Autos bleibt noch eine Einbahnspur. Parkplätze für Anwohner würden verschwinden, Anfahrtszeiten würden sich drastisch verlängern. Statt bloss 9 Prozent müssten sich künftig 50 Prozent der Stadtzürcher auf dem Velo bewegen.
Anders, so Kay Axhausen, sei das Netto-null-Ziel der Klimapolitik bezüglich CO2 nicht zu erreichen. Er nennt sein Projekt «politiknah», wobei seine Vision selbst den rot-grünen Stadtherrschern zu weit geht. «Wenn man vorankommen will, muss man radikal handeln», meint der forsche Verkehrsforscher.
Nun fragt sich, ob Zürich und die übrigen Schweizer Städte auf einen Radikalinski aus dem Norden gewartet haben. Die Schweiz ist zu dem geworden, was sie ist, weil sie sich nicht den radikalen Lösungen verschrieben hat, sondern dem Machbaren, dem Kompromiss und dem gesunden Menschenverstand. Dieser Erfolgsweg ermöglichte einen ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwung, welcher die ETH erst in die Lage setzte, Kay Axhausen zu beschäftigen.
Professor Axhausen spricht im Zusammenhang mit der Vision seiner Velostadt von «Durchdenken bis in die letzte Konsequenz». Er ist in letzter Konsequenz davon überzeugt, dass auch ältere Menschen und Bewohner der Agglomerationen problemlos vom Autositz auf den Velosattel wechseln. Die Schwankungen zwischen Sommer und Winter seien übrigens nicht besonders gross.
Dabei ist unbestritten: Mehr Velos heisst mehr Unfälle. Und beim Durchdenken bis in die letzte Konsequenz hat Verkehrsplaner Axhausen vergessen, dass eine Grossstadt wie Zürich versorgt und entsorgt werden muss – und zwar von aussen, nämlich von grossen Nutzfahrzeugen.
Wenn er mal morgens zwischen drei und sechs Uhr aufstehen würde, könnte er all die Lastwagen sehen, die sich von ausserhalb durch die heute schon verstellten, «beruhigten» Strassen quälen, um Zürich mit Waren und Lebensmitteln zu versorgen und gleichzeitig riesige Mengen an Abfall zu entsorgen. Spätestens wenn sie fernbleiben, werden die Stadtzürcher erleben, was sie mit ihrer Velovision erreicht haben.