Aphrodite, im griechischen Götterkabinett zuständig für die Ressorts Liebe, Schönheit und sinnliche Begierde, muss heute für eine Art neuzeitlichen Marketingtrick herhalten: «Aphrodisiaka» sind demnach Produkte, die das sexuelle Verlangen steigern und/oder die Kondition bei dessen Erfüllung verlängern sollen.
Oft wird von bestimmten exotischen Gewürzen, Chili oder Austern geredet, in schlichterer Version sogar vom massenhaften Verzehr von Hühnereiern. So weit, so märchenhaft – es mag sein, dass die Einnahme solcher Substanzen, zu denen auch Düfte gehören, einen hübschen Placebo-Effekt generiert (bis zu 60 Prozent).
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Aphrodite allerdings wäre zu solchen Theorien auf Distanz gegangen. Sexualität ist nämlich keine Frage der Menüfolge, sie gründet sich auf dem Zusammenspiel bestimmter Botenstoffe mit körperlicher wie hormoneller Entspannung und vitaler Durchblutung aller (!) Organe.
Sexuelle Erregung ist ganz unromantisch erst einmal eine Gefässreaktion: Sowohl die Befeuchtung der Vagina durch eigenproduziertes Sekret als auch die Erektion des Mannes sind Folgen einer Gefässerweiterung, die ordentlich Blut ins Genitalgewebe lässt. Wer seinen Körper diesbezüglich bei Laune halten will, ist mit nitratreichen Gemüsen wie Spinat, Rucola oder Roter Bete gut beraten.
Auch Wassermelone ist hier charmant im Spiel: Sie liefert Citrullin, aus dem der Körper Arginin bilden kann – einen Rohstoff für Stickstoffmonoxid, jenen Gefässentspanner, ohne den es untenrum oft unerquicklich bleibt. Knoblauch ist zwar kein Liebesparfum, kann aber die Gefässfunktion unterstützen – für die Romantik olfaktorisch riskant, physiologisch jedoch nicht völlig unspannend. Auch Granatapfel gesellt sich dazu: Seine Polyphenole können die Gefässfunktion und die Verfügbarkeit von Stickstoffmonoxid unterstützen.
Sexuelles Verlangen wächst nicht nur in der mittleren Körperregion, wo sich unsere Genitalien interessiert zuzwinkern, sondern auch im Oberstübchen, im Belohnungssystem unseres Gehirns. Der Neurotransmitter Dopamin ist ein Botenstoff, der massgeblich mitwirkt bei Belohnung, Motivation, Konzentration und Bewegungssteuerung – kein «Glückshormon», aber definitiv einer der Stoffe, die Lust auf mehr Leben machen. Nüsse, Samen und Hülsenfrüchte liefern unter anderem Tyrosin, aus dem der Körper Dopamin bilden kann; das ist jedoch keine Sofortzündung fürs Schlafzimmer, sondern eher solide Vorratshaltung fürs neuronale Orchester. Bananen und dunkle Schokolade dürfen trotzdem mit aufs Menü: eher wegen Genuss, Stimmung und Ritual als wegen eines verlässlichen aphrodisierenden Effekts.
Dem übrigen Hormonhaushalt, etwa Testosteron oder Östrogen, ist nicht einfach mit einzelnen Lebensmitteln «aufzuhelfen» – aber der Körper braucht für die Hormonbildung und Schilddrüsenfunktion ausreichend Energie, gesunde Fette und Mikronährstoffe wie Zink, Jod und Selen. Mehr Cholesterin (Vorstufe der Sexualhormone) macht dabei nicht automatisch mehr Sexualhormone; der Körper ist kein Schnitzel-zu-Testosteron-Konverter. Fetter Seefisch (Omega 3!), Eier, Olivenöl, Kürbiskerne und überhaupt eine mediterrane Kost sind deshalb sinnvoller als die Hoffnung auf den erotischen Urknall aus dem Gewürzregal.
Und dann wäre da noch Maca, das in jedem zweiten Internetorakel als Liebeswurzel gehandelt wird: Die Studienlage ist nicht völlig leer, aber auch nicht berauschend. Es gibt einzelne Hinweise auf etwas mehr sexuelles Verlangen oder eine leichte Besserung der Sexualfunktion, doch für den Rang eines verlässlichen Aphrodisiakums reicht es bislang nicht.
Alkohol schliesslich gehört aus der Liste der vermeintlichen Lustmacher eher gestrichen als gefeiert: Er enthemmt zwar kurzfristig, verschlechtert aber physiologisch oft genau das, worauf es ankommt – Erregung, Lubrikation, Erektion und Orgasmusfähigkeit. Anders gesagt: Er macht lockerer im Kopf und leider oft schlapper im Becken.
Das alles sind natürlich Langzeitstrategien. Essen kann die biologischen Bedingungen für Lust und Leistungsfähigkeit verbessern – gute Gefässe, stabile Nerven, brauchbare Hormonachsen –, aber es ersetzt weder Zuneigung noch Schlaf noch eine funktionierende Kommunikation. Aber erotisches Begehren ist ja auch mehr als die schnelle Nummer …
Dr. Yael Adler ist Dermatologin, Ernährungsmedizinerin und Bestsellerautorin. Zuletzt von ihr erschienen: «Genial ernährt!», Verlag Droemer Knaur, 416 S., Fr. 34.90