Wenn es kommt, wie es kommen musste, ist es dann doch wieder eine Sensation. Zumindest sorgt die jüngste Forsa-Umfrage für RTL/N-TV, bei der die AfD (26 Prozent) die Union (25 Prozent) überholt, für einiges Aufsehen in den Medien. Dass schon vor Wochen das Institut Ipsos die gleiche Konstellation vermeldete, wurde noch geflissentlich ignoriert, bei Forsa geht das nun nicht mehr.
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Dabei kommt der Trend – Union abwärts, AfD aufwärts – alles andere als überraschend. Insa hatte vor Tagen schon Gleichstand vermeldet, und auch andere grosse Meinungsforschungs-Institute wie «Forschungsgruppe Wahlen», GMS oder Infratest Dimap sehen die beiden Parteien mit leichtem Vorsprung für die Union lediglich einen Flügelschlag auseinander, der sich innerhalb der Fehlertoleranz bewegt.
Mit anderen Worten: AfD und Union liegen verlässlich gleichauf.
Seit längerem liegt die AfD bei denjenigen, die sich in ihrem Wahlverhalten «sehr sicher» sind (20 Prozent), zwei Punkte vor der Union, bei der sich lediglich 18 Prozent ihres Votums «sehr sicher» sind. Das Interessante ist dabei, dass diese Entwicklung nicht nur von kritischen Beobachtern vorausgesagt wurde, sondern auch die Kernthese des Wahlkampfs von CDU und CSU berührt.
Das Versprechen eines «Politikwechsels» entsprang der völlig richtigen Analyse, dass die Union ein Glaubwürdigkeitsproblem hat. Ganz gleich ob Migrationspolitik, Sozialreformen, Bürokratieabbau, Meinungsfreiheit oder Kampf gegen linke Gesellschaftspolitik: Wähler der Union hatten in den zurückliegenden Jahren immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Union das Versprochene nach der Wahl schlicht nicht lieferte, weil die Koalitionspartner dies nicht gestatteten, weil die Union nach den Merkel-Jahren intern selbst keine konsequent bürgerlich-konservative und wirtschaftsliberale Partei mehr ist oder schlicht vom linksliberalen Medientenor geliebt werden wollte.
Die harte Abgrenzung von der AfD beraubte die C-Parteien schliesslich jedweden Druckmittels, und so blieb schon wenige Tage nach der Bundestagswahl vom «Politikwechsel» allenfalls ein ungedeckter Wechsel mit milliardenschwerem Schuldschein übrig.
Es waren die Strategen der Union selbst, die mit bedächtigem Blick intern erklärten, es gehe gewissermassen um das Endspiel für die Existenz von CDU/CSU als Volkspartei, wenn nicht 2029 die AfD die Führung übernehmen soll. Wer also solcherart selbst weiss, dass er am Abgrund steht, und sich dann forschen Schrittes in Richtung der abgewählten SPD auf den Weg in die falsche Richtung macht, kann sich über die aktuellen Umfragen nicht wundern.
Wähler, die zur Bundestagswahl im Februar mit ein wenig Bauchweh noch einmal der Union eine Chance gegeben hatten, sagen spätestens in den Koalitionsverhandlungen und mit Vorliegen des Koalitionsvertrages, dass sie verraten und verkauft wurden und der einzig glaubhafte Machtblock gegen das etablierte «Weiter so» bei der AfD liege. Genau das spiegelt sich jetzt in den Umfragen. Ein Absturz mit Ansage.
Bleibt die Frage, ob und wie sich die Union aus dem Loch wieder herausarbeiten will, wenn sie schon gleich zu Beginn der Legislaturperiode selbst hineinspringt. Stellt man die Frage in der Partei, blickt man in ratlose Gesichter. Umfragen seien Momentaufnahmen, heisst es dann. Merz werde mit Amtsbonus das Blatt wenden und Deutschland wieder zum Hort von Stabilität machen. Hm. Gut möglich.
Die Drohgebärden, mit denen die SPD schon vor dem Start der neuen Groko ihre Ziele den eigenen Genossen schmackhaft macht, lassen da allerdings einige Zweifel aufkommen. Ist die Koalition erst einmal geschlossen, sind die Hebel des Juniorpartners eher noch länger, weil es dann um einen handfesten Bruch des Regierungsbündnisses geht. Und da hat die Union deutlich mehr zu verlieren als die 16-Prozent-SPD. Der Union stehen ungemütliche Zeiten bevor.