UBS-Chef Sergio Ermotti warnt in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger vor einem schleichenden Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Das Land sei zu selbstzufrieden, reformunwillig und strategisch zu wenig ambitioniert, sagte Ermotti. «Eine international erfolgreiche Schweiz ist kein Naturgesetz – hören wir auf mit unserer Selbstgefälligkeit», mahnte der 65-Jährige.
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Ermotti sieht einen massiven Reformstau bei zentralen Themen wie Altersvorsorge, Energieversorgung und Europapolitik. Die Folgen zeigten sich zunehmend in der Aussenpolitik und der internationalen Wahrnehmung der Schweiz. «Viele im Ausland fragen: Was ist los in der Schweiz?», sagte der UBS-Chef.
Besonders deutlich äusserte sich Ermotti zur AHV. Die langfristige Finanzierung sei nicht gesichert, Mehrwertsteuer-Erhöhungen seien sozial ungerecht. Das Rentenalter müsse steigen, orientiert an der Lebensleistung. Zudem kritisierte er das starke Wachstum des Staates und warnte vor einer versteckten Verschuldung durch ungedeckte Sozialversprechen.
Auch die direkte Demokratie sieht Ermotti kritisch. Initiativen und Referenden würden zu oft missbraucht, Kompromisse überstrapaziert.
In der Aussen- und Wirtschaftspolitik forderte Ermotti mehr strategische Unabhängigkeit, Diversifizierung im Freihandel und weniger Naivität: «Freundschaft existiert nicht in den internationalen Beziehungen. Was Staaten verbindet, sind gemeinsame Interessen.»