Ganz grosses Kino. Hat Hollywood bereits angefragt? Warnung: Das hier ist Sarkasmus. Der sich aufdrängt angesichts der um sich greifenden Boulevardisierung in Bezug auf die pädokriminellen Gräueltaten, die im Zusammenhang mit den sogenannten Epstein-Files stehen.
Am vergangenen Freitag wurde eine nächste datenschwere Tranche herausgegeben: Mehr als drei Millionen Dokumente, knapp 300 Gigabyte, darunter 2000 Videos und 180.000 Fotos. Illustre Namen tauchen darin auf; High Society, Polit-Prominenz, Königshäuser sind involviert – genau das sorgt schnell für schlimmstes Klatschblatt-Niveau. Von wilden Sexpartys ist die Rede, von exklusivem Elite-Escort, von der Dekadenz der Reichen und Schönen.
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Eh voilà, Gewalt und Verbrechen, die an mehreren Hundert minderjährigen Mädchen verübt wurden, erhalten einen glitzer-gruseligen Glamour-Faktor – und werden so bagatellisiert. Nicht besser macht, wenn man darüber in einem Tonfall redet, als handle es sich um Splatterfilme, oder wenn man sich in einem fassungslosen Geraune über das «unvorstellbare» Grauen überbietet.
Ja, niemand mag sich derlei Abscheulichkeiten vorstellen, die hier verhandelt werden, aber davon überrascht kann nicht ernsthaft sein, wer den Fall Epstein kennt. Das erste Opfer meldete sich bereits 1996, nach und nach kamen weitere dazu. Bei im Jahr 2005 angestossenen Ermittlungen stiessen die Bundesbehörden auf fünfzig Missbrauchsfälle.
In einem für ihn vorteilhaften Deal mit der Staatsanwaltschaft in Miami konnte Jeffrey Epstein erwirken, dass die gegen ihn laufenden Ermittlungen auf Bundesebene fallengelassen wurden. Im Gegenzug bekannte er sich schuldig, eine Minderjährige zur Prostitution gezwungen zu haben, und wurde 2008 zu dreizehn Monaten Gefängnis verurteilt, die er unter ziemlich lockeren Bedingungen verbrachte. 2019 wurde er aufgrund von Vorwürfen des Sexhandels mit Minderjährigen erneut verhaftet.
Dereissig Jahre sind eine lange Zeit des Wegschauens. Denn: Zig Medienberichte und ein Wust von Dokumenten bedeuten noch lange nicht, dass man wirklich hinschaut. So gefragt: Wie oft muss organisierter Kindesmissbrauch noch geschehen, bevor er vorstellbar wird?
Der 2007 öffentlich gewordene «Sachsensumpf» deutete auf die Verstrickung von Politik, Justiz und Polizei in Kinderprostitution. Doch bei der Aufklärungsarbeit wurde eifrig Verhinderungspolitik betrieben. Ex-Fussballprofi Christoph Metzelder wurde wegen Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie verurteilt. Damit reiht er sich ein in eine schwer zu beziffernde Anzahl von Konsumenten sexueller Gewalt an Kindern. Dass es derlei Videomaterial überhaupt gibt, ist nicht nur erschütternd, sondern verweist ebenfalls auf kriminelle Netzwerke, die Minderjährige missbrauchen.
Epsteins Lebensgefährtin Ghislaine Maxwell, die eine zentrale Rolle spielte, da sie die meisten Mädchen rekrutiert hatte, wurde im Dezember 2021 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wegen «Menschenhandels mit Minderjährigen zu Missbrauchszwecken». Sie lockte die häufig in prekären Verhältnissen lebenden Mädchen mit Geld zu angeblich harmlosen Massagen.
Die Geschichte der Epstein-Files ist also auch eine Geschichte über Armut und soziale Ungleichheit. Und über elterliche Überforderung oder Vernachlässigung. Das alles spielt in die Empfänglichkeit für solche Angebote hinein, die es den Mächtigen leichtmacht, ihre maliziösen Machenschaften zu betreiben.
Der Wert von Kindern muss sich auch im Strafrecht widerspiegeln. Aber tut es das? Metzelder wurde zu zehn Monaten Haft verurteilt – auf Bewährung. Und bisher deutet nichts darauf hin, dass aus den Epstein-Files strafrechtliche Konsequenzen gezogen werden. Zahlreiche Stellen sind geschwärzt. Zum Schutz der Opfer, heisst es. Tatsächlich tauchen in den aktuellen Files plötzlich Namen von Opfern auf, die bisher nicht öffentlich bekannt waren, während zig Täter weiterhin unter einem ominösen Schutzschirm stehen.
Also: Was sind uns Kinder wert? Die Epstein-Files stellen nicht nur Amerika, sondern uns alle auf die Probe.