Entfesselt euch! Wie es um die Freiheit im Westen bestellt ist
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Entfesselt euch! Wie es um die Freiheit im Westen bestellt ist

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Freiheit beginnt im Geist. Diese Tatsache ist mir in zahlreichen Begegnungen im abgelaufenen Jahr stärker denn je bewusst geworden.

Sie kennen vielleicht das Stockholm-Syndrom, ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen oder Entführungen Sympathie und Zuneigung für ihre Täter entwickeln. Der Name stammt von einem Banküberfall in Stockholm 1973, bei dem Geiseln Angst vor der Polizei und Dankbarkeit gegenüber den Entführern zeigten, die ihnen kleine Zugeständnisse machten.

KAY NIETFELD / KEYSTONE
Entfesselt euch! Wie es um die Freiheit im Westen bestellt ist
KAY NIETFELD / KEYSTONE

Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, erkennt, dass das Stockholm-Syndrom omnipräsent ist.

Nur wenigen Betroffenen scheint bewusst zu sein,
a) dass sie sich in Geiselhaft befinden,
b) dass sie denjenigen, die sie in Unfreiheit halten, dafür auch noch dankbar sind und sie deren Taten schönreden,
c) alle verteufeln, die die Täter benennen und ihre Schandtaten anprangern.

Sie erkennen nicht, dass sie Teilzeitsklaven sind, die unter Androhung von Zwang und Gewalt dazu genötigt werden, einen gewichtigen Teil ihres hart erarbeiteten Einkommens an Leute abzutreten, die sich «Staat» nennen und diesen Raubzug verniedlichend «Besteuerung» nennen. Vielmehr sind sie dankbar für die Almosen, die ihnen der Staat nach dem kriminellen Akt des Raubs wieder zurückgibt, zum Beispiel in Form einer AHV-Rente oder einer Subvention.

Sie wollen nicht wahrhaben, dass ihr Leben von gutorganisierten Sonderinteressen-Gruppen diktiert wird und sie die Regulierungs-, Verbots- und Befehls-Tsunamis, die aus Bundesbern und seitens der internationalen Organisationen losgetreten werden, über sich ergehen lassen müssen, weil sie bei Zuwiderhandlung gebüsst oder ins Gefängnis gesteckt werden.

Sie verschliessen sich der Tatsache, dass Inflation kein natürliches Phänomen ist, das halt einfach so passiert, sondern dass die Geldentwertung künstlich von den politisch eingeführten Zentralbanken erzeugt wird zur Rettung unproduktiver Grosskonzerne und hochverschuldeter Staaten. So kommt es, dass sie die Zentralplaner des Geldes nicht als Brandstifter anprangern, die für die schleichende Zerstörung ihrer Ersparnisse verantwortlich sind, sondern sie als Feuerlöschen feiern.

Wie die berühmten drei Affen kapseln sich immer noch viel zu viele von der Realität ab. Schlimmer: Das Stockholm-Syndrom führt zu einer verwirrten Umkehrung von Gut und Böse, sodass der räuberische, rücksichtslose und tyrannische Staat, wie wir ihn heute kennen, auf einmal als sozialer Wohltäter und Retter in der Not verehrt, ja geradezu angehimmelt wird.

Diese Verherrlichung der Staatsgewalt weist eindeutig religiöse Züge auf: Der Glaube an die Allmacht der Bürokraten, die Allwissenheit technokratischer Funktionäre und das grenzenlose Können der politischen Zentralplaner könnten realitätsferner nicht sein. Und doch hängen beängstigend viele Menschen dieser Sekte an, die aufgrund ihrer Unterwanderung von Schulen, Universitäten, Medien, Religionen, Verbänden, Think-Tanks, internationalen Organisationen und Kultur weitaus gefährlicher ist als eine gewöhnliche Sekte.

Wer durch unreflektierten Konsum von Massenmedien, in denen echter Journalismus heute immer weniger eine Rolle spielt, und durch jahrelange Abstumpfung im Bildungssystem, in welchem hauptsächlich Gehorsam und etatistische Dogmen gelehrt werden, zu einem unkritischen Anhänger dieser Religion der Staatsgläubigkeit, ja zu einem Staatsfanatiker geworden ist, bei dem haben sich Wahrnehmungs-Scheuklappen festgesetzt. Diese filtern alles raus, was nicht ins Weltbild dieser Sekte passt, insbesondere liberale Ideen und Skepsis gegenüber Machtzentralisierung.

So glauben sie nicht nur, der Staat wolle für die Bürger nur das Beste und alle Staatsvertreter würden bei Amtsantritt ihre Eigeninteressen brav ablegen. Sie sind auch fest davon überzeugt, dass alle, die den Staat, seine Vertreter und deren Propaganda kritisch hinterfragen, die Bösen sind und zum Schweigen gebracht werden müssen, weil diese den gesellschaftlichen Frieden unnötig stören.

Jemand setzt sich für die Freiheit der Menschen ein? Ein Egoist, der dies nur aus eigensinnigen Motiven tut! Jemand schaut bei Studien genauer hin und deckt Fehler auf? Ein Wissenschaftsleugner, den es durch die Bekämpfung von Fake-News-Gesetzen zu verfolgen gilt! Jemand stellt in Bezug auf Machtausübung der Herrscher kritische Fragen? Ein verwirrter Verschwörungstheoretiker, ein Spinner, weil doch jedem klar ist, dass es Verschwörungen (geheime Absprachen zwischen zwei oder mehreren Personen zulasten von Dritten) in der Geschichte noch nie gegeben hat, und in der Politik schon gar nicht.

Überall schliessen sich die Scheuklappen. Kritisches Denken, gesunder Menschenverstand, Offenheit gegenüber Beweisen, die den öffentlichen Theorien widersprechen haben keinen Platz in diesem eingeengten Wahrnehmungskorridor mehr. Wenn jemand nicht auf die Argumente von Andersdenkenden eingeht, sondern diese einfach als Verschwörungstheoretiker niederbrüllt, ist das ein zuverlässiges Indiz, dass jemand der Sekte der Staatsgläubigkeit zum Opfer gefallen ist. (Das heisst natürlich nicht, dass im Umkehrschluss alle Verschwörungstheorien wahr sind, damit das hier auch gesagt ist.)

Dieses Verschliessen, dieses Ignorieren findet statt, weil man sich im Unterbewusstsein vor den Konsequenzen eines unvoreingenommenen Blicks auf die Wahrheit fürchtet. Das eigene Weltbild würde in sich zusammensacken und man müsste viel Zeit und Mühe investieren, sich ein neues aufzubauen. Wie viel bequemer ist es da doch, keinen Finger zu rühren und jene pauschal als Spinner abzutun, die ihnen ihre Knechtschaft vor Augen führen.

Oder wie es Goethe einmal auf den Punkt brachte: «Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein.»

Umso erfreuter war ich, dass ich im vergangenen Jahr zahlreiche Begegnungen mit Menschen hatte, die ihre Scheuklappen im Laufe der vergangenen Monate und Jahre in einem mühsamen Prozess grosser geistiger Anstrengung abgelegt hatten. Die Erlösung war ihnen regelrecht ins Gesicht geschrieben. Jeder, der der Wahrheit näherkommt, kennt dieses Gefühl.

Letztlich ist genau dies der erste Schritt zur Freiheit: sich der Realität zu stellen. Nur eine realistische Einschätzung erlaubt es, hinderliche Illusionen zu überwinden, sich aus der Gefangenschaft der Sekte zu lösen und geeignete Mittel zu ergreifen, um sich zu befreien.

Olivier Kessler ist Publizist und Direktor des Liberalen Instituts. Zuletzt von ihm erschienen: Befreiungsschlag: Hoffnungsschimmer für eine verloren geglaubte Welt.

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