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Energiewende zu kurz gedacht: Wenn Kanzler Merz an den utopischen Klimazielen der Vorgängerregierung festhält, wird er Deutschland nicht nur in ein ökonomisches, sondern auch in ein soziales und ökologisches Desaster führen

Infolge eines entsprechenden Beschlusses des Bundesverfassungsgerichts vom 24. März 2021 hatte der Bundestag am 24. Juni 2021 das verschärfte Klimaschutzgesetz beschlossen, nach dem Deutschland bereits bis zum Jahr 2045 Klimaneutral sein muss.

An diesem utopischen Klimaziel will auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) festhalten, obwohl sie in ihrer Antrittsrede betont hat, für Technologieoffenheit und Kostenkontrolle zu stehen. Grundlage für die Klimaneutralität durch die Energiewende ist die Behauptung, dass der Mensch mit seinen CO2-Emissionen das Erdklima bedrohlich erwärmen könnte.

BERND VON JUTRCZENKA / KEYSTONE
Energiewende zu kurz gedacht: Wenn Kanzler Merz an den utopischen Klimazielen der Vorgängerregierung festhält, wird er Deutschland nicht nur in ein ökonomisches, sondern auch in ein soziales und ökologisches Desaster führen
BERND VON JUTRCZENKA / KEYSTONE

Jedoch ist hinlänglich belegt, dass die Klimamodelle des IPCC die Erdtemperatur nicht wirklich vorhersagen können. Langjährige Messungen zeigen, dass allein der Rückgang der Bewölkung ausreicht, den Temperaturanstieg seit 1980 zu erklären. Dennoch geht auch die neue Regierung das Risiko ein, mit einer Energiewende, die auf keiner sicheren Grundlage steht, die Wirtschaft des Landes zur ruinieren und den Wohlstand der Bevölkerung zu verspielen.

Der Gesamt-Primärenergie-Verbrauch Deutschlands lag im letzten Jahr bei zirka 3000 TWh und sank wegen der voranschreitenden Deindustrialisierung in den letzten Jahren bereits erheblich.

Die Gesamt-Primärenergie soll nach vollzogener Energiewende ohne Kernenergie CO2-frei bereitgestellt werden. Eine solche absolute Forderung wäre aber ruinös. Der Anteil der Windenergie lag 2024 laut den Angaben des Statistischen Bundesamtes und des Strom-Reports bei 4,6 Prozent und der Solarenergie bei 2,4 Prozent. Um alle fossilen und sonstige Energieträger durch Erneuerbare zu ersetzen, müssten also noch rund zwölfmal so viele Windkraft- und PV-Anlagen hinzugebaut werden, wie heute schon vorhanden sind.

Der Grund hierfür ist, dass die übrigen Erneuerbaren wie Wasserkraft, Biomasse etc. sich kaum noch expandieren lassen, wobei Strom und Treibstoffe aus Biomasse auch nicht CO2-frei wären.

Dies heisst im Klartext: Soll die Klimaneutralität erreicht werden, muss die Windkraft so ausgebaut werden, dass noch weitere 360.000 Windkraftanalgen (WKA) derselben Leistungsgrösse zu den rund 30.000 vorhandenen WKA hinzukämen. Auch die Fotovoltaik (PV), die aktuell 360 Quadratkilometer umfasst, müsste um eine Fläche von zirka 4320 Quadratkilometer mit neuen PV-Anlagen ausgebaut werden.

Dieses Ausmass an benötigten neuen Windkraft- und PV-Anlagen wirft die Frage auf, wo die Bundesregierung denn diesen Ausbau durchführen möchte, wenn unser Land selbst nur eine Fläche von 360.000 Quadratkilometern hat. Sollte das Vorhaben umgesetzt werden, würde dies bedeuten, dass pro Quadratkilometer eine WKA stehen müsste; zusätzlich käme die Umwidmung von Flächen für PV hinzu.

Das Stromnetz müsste gewaltig erweitert werden, um den Strom von diesen vielen WKA und PV-Anlagen einzusammeln. Dabei muss das Verteilungsnetz zu den Verbrauchern bei den vielen geplanten Ladestationen und Wärmepumpen ohnehin schon massiv erweitert werden. Zusätzlich müssten die Ortsnetze in allen deutschen Städten erneuert werden.

Wenn nach den Bestrebungen der neuen Regierung unsere Kohlenstoffwirtschaft in eine, wenn auch deutlich weniger effiziente, Wasserstoffwirtschaft umgestellt werden soll, weil keine anderen Energiespeicher (wie Speicherseen oder Batterien) in ausreichendem Umfang verfügbar oder realisierbar sind, dann müssten entsprechende Kapazitäten an Elektrolysefabriken, Leitungssystemen und Speichern für Wasserstoff aufgebaut werden.

Die Jahresdurchschnittsleistung einer PV-Anlage liegt bei 10 Prozent und die von WKA etwa bei 20 Prozent ihrer jeweiligen Nennleistung. Es müssten also entsprechend grosse Kapazitäten an Elektrolyseanlagen gebaut werden, um an sonnigen und windigen Tagen auch die Stromspitzen bei der Nennleistung mitnehmen zu können, wenn uns nicht das Unglück eines Blackouts, wie kürzlich in Spanien, widerfahren soll. Die Gewährleistung der Netzstabilität stellt eine Herausforderung dar, die – nach heutigem Stand der Technik – mit diesen Mitteln nur schwer zu bewältigen sein wird.

Zwar führt auf der einen Seite die Umstellung auf elektrische Energiequellen (Wärmewende, E-Mobilität) zu Effizienzgewinnen. Auf der anderen Seite aber hätte eine Wasserstoffwirtschaft nur einen mittleren Wirkungsgrad von 25 Prozent gegenüber den 40 Prozent einer Kohlenstoffwirtschaft. Die Investitionen in die Produktion von Wasserstoff würden allein für Elektrolyseanlagen bei 260 Milliarden Euro liegen.

Der gewaltige Materialaufwand für den Bau solcher Anlagen, zusammen mit jenem für den Bau und für die fortlaufende Erneuerung der Windkraft- und PV-Anlagen, ist kaum vorstellbar. Die Kosten hierfür würden die gesamte deutsche Volkswirtschaft in den Ruin treiben.

Zuverlässige Quellen ergeben, dass für die gesamte Energiewende Investitionskosten von rund 13 Billionen Euro bis 2045 aufzubringen sind. Diese Summe würde, auf die Bevölkerung hochgerechnet, bedeuten, dass jeder erwerbstätige Bürger zirka 325.000 Euro einbringen müsste. Es scheint derzeit weder in der CDU/CSU noch in der SPD die Bereitschaft vorhanden zu sein, solche quantitativen Überlegungen durchzuführen – und bei den Grünen schon gleich gar nicht.

Hinzu kommt, dass die belegten gravierenden negativen Auswirkungen, die diese Energiewende für Umwelt und Klima sowie Landwirtschaft und Gesundheit bedeutet, ignoriert werden. Wenn die Energiewende, wie beschrieben, durchgeführt wird, bedeutet dies nicht nur ein ökonomisches, sondern auch ein soziales sowie ökologisches Desaster. Die neue Bundesregierung nimmt diese reale Gefährdung wider besseren wissenschaftlichen Kenntnisstands in Kauf.

Die Energiewende der Vorgängerregierung und dieser Regierung scheitert letztlich an zwei fundamentalen physikalischen Sachverhalten, nämlich an den geringen Energiedichten bei Wind und Solar, an dem damit verbundenen hohen (und auch kostentreibenden) Materialaufwand und an den starken Energieschwankungen der «Erneuerbaren». Der Ausweg aus dieser scheiternden Energiewende liegt in einem Energiemix, der die konventionellen Kraftwerksparks zusätzlich zu den Erneuerbaren weiterhin einsetzt und auch die Kernenergie nutzt.

Die gut regelbare grundlastfähige Kernenergie darf im Energiemix nicht fehlen. Neun von den siebzehn abgeschalteten Kernkraftwerken in Deutschland können je nach Rückbaugrad in zwei bis sieben Jahren wieder betriebsbereit sein und daher so schnell es geht wieder angeschaltet werden. Studien zeigen, dass dies möglich ist. In Deutschland sollte die Forschung in der angewandten Kernphysik wieder aufgenommen werden, die auf die Entwicklung hochsicherer, effizienter Reaktoren zielt.

Und was macht dagegen die neue Regierung unter Merz?

Angesichts der Pläne der neuen Wirtschaftsministerin Reiche wird schon jetzt klar, dass die Strompreise nicht sinken werden. Wenn Deutschland beim Thema KI den Zug nicht verpassen will, wird in den nächsten Jahren der Stromverbrauch heftig steigen und somit auch die Nachfrage und dank verfehlter Energiepolitik auch der Preis. Wir sind aber auch bei der KI auf preiswerten Strom angewiesen, um die Rechenzentren wirtschaftlich betreiben zu können. Dies ist nicht nur eine Frage der Energie, sondern auch der Datensicherheit der Bürger, Industrie und Verwaltung.

Wolfgang Pöschl, Jahrgang 1964, ist Mathematiker und promovierter Kernphysiker. Seit 2024 ist er Mitglied bei der Partei Werteunion. Er wohnt in Niederbayern.

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