Die grössten Irrtümer der Weltgeschichte, so lehrte uns der titanische Tolstoi in «Krieg und Frieden», entspringen der messerscharfen Willkür der Historiker. Wer die Geschichte wie einen Geburtstagskuchen in handliche Stücke schneidet, hat die Wahrheit meistens schon am Messer kleben. Je nachdem, wo man die «Zeitenwende» dekretiert, landet man zwangsläufig bei den gewünschten – und damit oft grundfalschen – Schlüssen.
Illustration: Fernando Vicente
Besonders im Nahen Osten, diesem staubigen Hexenkessel der Zivilisation, ist das Gliedern der Geschichte eine Hochrisiko-Sportart. Hier wurden die Götter erfunden und die Teufel gejagt. Es ist ein Gelände, das Menschen zum Genialsten inspiriert – und gleichzeitig die mörderischsten Fanatiker am Fliessband produziert. Wobei wir Europäer uns beim Thema Wahnsinn ja vornehm zurückhalten sollten; wir haben in diesem Fachgebiet schliesslich den Doktortitel.
Der Reflex gegen Israel
Heute erleben wir ein bizarres Schauspiel: Da greift Israel, in einer Existenznot, die sich unsere gemütlichen Sofa-Strategen in Brüssel oder Bern gar nicht vorstellen können, die Schaltzentralen des Terrors im Iran an – und was passiert? Der moralische Zeigefinger des Westens schnellt nach oben wie eine automatische Schranke.
Man schilt Israel einen «Störenfried», einen «Völkerrechtsbrecher». Plötzlich scheint das Entsetzen über die Mullah-Diktatur in Teheran – ein Regime, das seit 1979 die Auslöschung des «zionistischen Gebildes» zur Staatsreligion erhoben hat – merkwürdig verblasst zu sein. Man wirft Benjamin Netanjahu vor, er habe sich mit religiösen Eiferern wie Ben-Gvir gemeingemacht. Geschenkt! Netanjahus Koalition mag ästhetisch und politisch kein Leckerbissen sein, aber verglichen mit der mittelalterlichen Finsternis der Chomeini-Clique sind das harmlose Chorknaben.
Wer Israel kritisiert, ohne die fünfzigjährige Vernichtungsdrohung des Iran mitzudenken, betreibt keine Politik, sondern Realitätsverweigerung im Endstadium.
Die römische Erbsünde
Gehen wir zurück ins 1. Jahrhundert, an den Punkt, an dem das Unheil seinen Lauf nahm. Die Juden lebten in Judäa, bis der römische Grössenwahn in Gestalt von korrupten Statthaltern die Tempelschätze plünderte. Was folgte, war nicht «Dialog», sondern die Faust. Kaiser Hadrian, ein Mann fürs Grobe, walzte den jüdischen Widerstand nieder und beging einen Akt der geschichtspolitischen Giftmischerei: Er taufte Judäa kurzerhand in «Palästina» um – ein Name als Strafe, eine Landkarte als Rache.
Dann das 7. Jahrhundert: Der Islam triumphiert in den Ruinen Jerusalems. Für die Muslime eine göttliche Gunst, für die jüdische Stammlinie eine Jahrtausend-Demütigung. Fast 1300 Jahre dauerte dieses islamische Intermezzo, mal glanzvoll, mal bröckelnd, bis der britische Abenteurer T. E. Lawrence – «Lawrence von Arabien» – den Arabern das Blaue vom Himmel versprach, um die Osmanen zu stürzen. Das Ergebnis? Ein Scherbenhaufen. Die Araber fühlten sich von den Briten betrogen, und plötzlich sahen sie sich mit der Rückkehr der Juden konfrontiert.
Die doppelte Demütigung
1947 gaben die Vereinten Nationen den Juden ihr altes Judäa zurück. Ein Akt der späten Gerechtigkeit nach dem Zivilisationsbruch des Holocaust? Für die Araber war es die «Nakba», die Katastrophe. Sie wollten keinen Teilungsplan, sie wollten das Ganze – und verloren alles. Israel gewann seine Kriege nicht aus Übermut, sondern weil es die Alternative war zum Ertrinken im Mittelmeer.
Man kann die israelische Besatzung im Westjordanland heute kritisieren, ja. Aber man sollte die Kirche im Dorf lassen: Ist die israelische Verwaltung wirklich «schlimmer» als das bleierne Regiment der Osmanen oder der Mullahs? Wohl kaum. Israel ist eine wehrhafte Demokratie in einer Nachbarschaft, in der das Wort «Opposition» meistens mit einer Hinrichtung am Baukran endet.
Die dunkle Sonne von Teheran
Der eigentliche Saboteur des Friedens sitzt jedoch in Teheran. Der Iran – eine stolze, uralte Kulturnation, die es eigentlich gar nicht nötig hätte, sich im nahöstlichen Schlamm zu wälzen – hat sich unter den Mullahs in eine Geiselhaft des religiösen Wahnsinns begeben.
Warum hasst das Mullah-Regime Israel? Es gibt keine gemeinsame Grenze, keinen territorialen Streit. Dieser Hass ist rein ideologisches Destillat, ein künstliches Feindbild, um das eigene Volk zu knechten. Die Abraham-Verträge – dieses geniale Meisterstück der Realpolitik, für das Donald Trump eigentlich drei Friedensnobelpreise verdient hätte – zeigten: Araber und Juden können Geschäfte machen. Sie können Frieden schliessen. Das war der Dolchstoss für die iranische Strategie. Deshalb musste der Terror des 7. Oktober geschehen.
Das nukleare Grounding
Jetzt stehen wir am Abgrund. Ein nuklear bewaffneter Iran ist für Israel schlicht nicht verhandelbar. Wer mit der Vernichtung droht und gleichzeitig an der Atombombe bastelt, darf sich nicht wundern, wenn der andere zuerst zieht.
Gegenwärtig sieht es düster aus. Die iranische Anakonda versucht, den Welthandel an der Strasse von Hormus zu erwürgen. Die US-Administration wirkt bisweilen wie ein Gigant auf Rollschuhen. Doch gerade in dieser Erschöpfung liegt die Chance. Wenn die Grossmächte – Putin in der Ukraine, Trump im Iran – merken, dass sie nicht mit dem Kopf durch die Wand kommen, schlägt die Stunde der Pragmatiker.
Aus der Finsternis zum Licht?
Ich wage eine provokative Prognose: Dieser Krieg, so schrecklich er ist, könnte der Geburtshelfer einer neuen Ordnung sein. Die Mullahs haben sich verzockt. Wer seinen Staat auf dem Hass gründet, verbrennt irgendwann im eigenen Feuer. Ein befreiter, ein «therapierter» Iran wäre der Schlüssel zum Weltfrieden.
In Europa brauchten wir den Dreissigjährigen Krieg, um zu merken, dass man den Nachbarn nicht unbedingt umbringen muss, nur weil er den Rosenkranz anders betet. Der Nahe Osten durchläuft gerade seine dunkelste Stunde. Aber nach der Nacht kommt der Tag. Der Frieden wird kommen – kaum durch wohlfeile Uno-Resolutionen, eher durch die harte, ungeschminkte Einsicht in die Notwendigkeit der Koexistenz.
Bleiben wir zuversichtlich. Trotz allem. Gerade jetzt.

