In einem riesigen Interview in sämtlichen Blättern von Tamedia verteidigt Carl Illi die EU-Anbindungsverträge. «Er vertritt die weltweit zweitgrösste Industrie», wird Illi gross eingeführt – um den Eindruck zu erzeugen, hinter ihm stünden gewaltige wirtschaftliche Interessen.
In Wahrheit ist Carl Illi Chef der CWC-Gruppe, einer Firma, die schweizweit gerade mal 100 Angestellte beschäftigt. Und die Textilindustrie mag weltweit die zweitgrösste sein, in der Schweiz spielt sie so gut wie keine Rolle mehr.
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Der Grund ist klar: Der Standort Schweiz ist für die Textilproduktion seit Jahrzehnten viel zu teuer. So gut wie alles, was mit ihr zusammenhängt, hat unser Land längst verlassen. Bis in die siebziger, sogar achtziger Jahre meinten einige hiesige Textilindustrielle, sie müssten die Arbeiter aus Südeuropa hierher zu ihren Maschinen bringen. Erst später merkten sie, dass das Umgekehrte richtig ist: Sie brachten die Maschinen ins Ausland, zu den Arbeitern.
Carl Illi schwärmt von der EU, hält aber einen EU-Beitritt «momentan nicht für opportun». Was uns ahnen lässt, dass dieses «momentan» bei ihm ziemlich rasch im Vollbeitritt münden dürfte. Gleichzeitig verlangt er «möglichst wenig Bürokratie» und glaubt ernsthaft an die EU als antibürokratisches Konzept.
Der Textilunternehmer meint auch, die Schweizer würden bezüglich EU-Anbindung mit «Fehlinformationen» überhäuft. Um dann zu behaupten, wir könnten die Verträge «jederzeit auflösen». Ohne zu präzisieren, wie viele andere Verträge dann wegen der Guillotine-Bleiplatten auch aufgelöst werden müssten.
Es sei Quatsch, sagt Illi, dass unsere Landfrauen künftig ihre Zöpfe nicht mehr verkaufen dürften. Tatsache ist, dass nicht nur die gesamte Schweizer Gastronomie, sondern auch Dorfanlässe, Schwingfeste oder Vereinsanlässe künftig EU-Hygienestandards und Bürokratiemonster erfüllen und Neuerungen ständig automatisch und vollständig («integral») übernehmen müssten.
Auch kritisiert Illi die unternehmerisch tätigen Gegner der EU-Unterwerfung, weil sie «den Hauptteil ihres Geldes im Ausland verdienen». Gleichzeitig hält er fest: «In der Textilbranche exportieren wir zwei Drittel unserer Waren in die EU.» Verdient er also selber nicht auch den Hauptteil seines Geldes im Ausland?