Während die westliche Staatengemeinschaft sich gerne im Glanz ihrer «regelbasierten Ordnung» sonnt, legt die erfahrene Publizistin und ehemalige ARD-Moskau-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz im Gespräch mit der Weltwoche den Finger in die Wunde unserer Zeit: die grassierende Doppelmoral.
Im Fokus steht der jüngste militärische Schlag der USA und Israels gegen den Iran. Wo bleibt der Aufschrei? Wo bleibt die völkerrechtliche Brandmarkung, die wir seit vier Jahren bei jeder russischen Bewegung wie ein Mantra vor uns hertragen? Krone-Schmalz analysiert nüchtern und ohne die übliche moralische Schnappatmung des Mainstreams.
Für Krone-Schmalz ist der Fall klar. Auch wenn sie keine Juristin ist, so doch eine Journalistin, die die Regeln beim Wort nimmt. Mit Blick auf den Angriff auf den Iran konstatiert sie: «Wenn man die Regeln des Völkerrechtes ernst nimmt, dann denke ich […], kann man gar nicht anders sagen, als dass es sich um einen völkerrechtswidrigen Angriff handelt.»
Das Problem sei nicht das Recht an sich, sondern dessen selektive Anwendung durch den Westen. Wir messen mit zweierlei Mass, und das in einer Art und Weise, die unsere restliche Glaubwürdigkeit in der Welt vollends verspielt. Während beim «völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands» die Vokabeln gar nicht martialisch genug sein können, herrscht beim Vorgehen der eigenen Verbündeten vornehmes «Rumeiern».
Besonders hellhörig macht Krone-Schmalz’ Warnung vor der Erosion staatlicher Souveränität. Wenn Staatslenker – ob sympathisch oder nicht – einfach «gecatcht» oder eliminiert werden, weil man die technischen Mittel dazu hat, verlassen wir den Boden der Zivilisation.
«Wo kommen wir denn hin, wenn es eine Frage der Stärke ist, dass andere Länder […] damit rechnen müssen, dass deren Präsidenten oder Staatslenker […] so mal eben entweder ‹gecatcht› werden […] oder gleich umgebracht werden?»
Die Diagnose ist bitter: Das Vertrauen in internationale Abkommen ist auf dem Nullpunkt. Krone-Schmalz erinnert daran, dass der Angriff auf den Iran mitten in eine Phase diplomatischer Hoffnung gefallen ist. Dieses Muster der Unzuverlässigkeit ziehe sich von den Minsk-Abkommen (die laut Merkel nur zum Zeitschinden dienten, um die Ukraine aufzurüsten) bis heute durch.
Gabriele Krone-Schmalz fordert die Rückkehr zur Realpolitik und zum echten Dialog. Wer das Völkerrecht nur dann bemühe, wenn es gegen den Feind gehe, habe es bereits abgeschafft. Europa müsse aufhören, sich in moralischer Selbstgerechtigkeit zu verlieren, während die Weltlage gefährlicher ist als zu Zeiten der Kuba-Krise.
Das ausführliche Videointerview finden Sie hier: