Eines muss man Dieter Bohlen einlassen. Er ist der natürliche Seismograf der Befindlichkeiten des bundesdeutschen Wohlstandsbürgers. Hätte Bohlen nicht diesen Sinn für die Stimmungslage seiner Landsleute – er hätte niemals den Erfolg gehabt, den er über Jahrzehnte hatte. Dieter Bohlen, das ist die ästhetische und gesellschaftliche Verkörperung der Ideale der westdeutschen Mittelschicht. Eine vielleicht gruslige Erkenntnis, die aber sehr gut erklärt, weshalb Bohlen mit seinem antiseptischen Gute-Laune-Pop so viel Erfolg hatte.
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Insofern überraschen Bohlens Äusserungen gegenüber dem YouTube-Kanal «Kettner-Edelmetalle» in keiner Weise. Dort empfahl der von den Boulevard-Medien zum Pop-Titan erkorene Produzent, die Schweizer Neutralität als Vorbild für Deutschland. Neutralität im Sinne der Schweiz sei für Deutschland die logische Antwort in einer Welt, die nur noch «Krieg, Krieg, Krieg» kennt.
Es sind Worte wie der süssliche Sound von Bohlens Popmusik. Belanglos, unbedarft, seicht – aber gerade deshalb massentauglich. Wie Bohlens Musik künden sie von der Sehnsucht der bundesdeutschen Mittelschicht nach dem grossen Bullerbü, einem Kleinbürgerparadies, sauber, aufgeräumt und aller Sorgen enthoben. Es ist das piefige Verlangen nach der heilen Welt, in der man vom Golfplatz kommend «Cheri, cheri, lady» singt, mit der passenden exotischen Schönheit dazu im Arm. Spiesserträume.
Bohlen hat diese Gemütslage seiner Landsleute immer auf geniale Weise gespürt und entsprechend bedient: harmlos, etwas unbeholfen und ja nicht fordernd. Das war sein Erfolgsrezept. Musik für Leute, denen «Party machen» und verwöhnte Sorglosigkeit der Sinn des Lebens ist. In dieser Welt gibt es keine Konflikte. Es ist ein Wohlfühlkindergarten, in dem Sprüche wie «Du klingst wie ein Frosch, der versucht zu singen» oder «Du singst wie ’ne Giesskanne» schon als Ausweis von Härte gelten. Der Anschein von Autorität einer verharmlosten Gesellschaft.
In einem solchen Land träumt man natürlich von der Neutralität. Also von der grossen Sorglosigkeit. Man redet mit jedem, macht mit jedem Geschäftchen und hat ansonsten seine Ruhe. Eine Art Auenland, behaglich und gemütlich, in dem man sich friedlich eingerichtet hat, auch wenn die Schwarzen Reiter um die Grenzen streichen. Es wird schon gut gehen. Stellung zu beziehen, Partei zu sein und wehrbereit, wäre auch mühsam und anstrengend.
Also flüchtet man sich in ein geistiges Wolkenkuckucksheim. In diesem imaginiert sich der deutsche Michel als Schweizer. Eigentlich sollte ein Blick auf die Landkarte genügen, um zu zeigen, dass diese Sehnsucht ein naiver Kindertraum ist. Aber die Wirklichkeit hat den durchschnittlichen Germanen noch nie interessiert. «2 mal 3 macht 4, Widdewiddewitt und Drei macht Neun». Pippi Langstrumpf ist die Vordenkerin des modernen Bundesbürgers.
Nur zur Erinnerung: Deutschland ist neben Frankreich die zentrale europäische Macht. An der so häufig beklagten Mittellage des Landes hat sich nichts geändert. Sie ist Deutschlands Schicksal. Ein Machtvakuum in der Mitte Europas hat schon mehrfach in eine Katastrophe geführt und ist zudem nicht praktikabel. Deutsche Neutralität würde zudem deutsche Isolation bedeuten. Auch das hatten wir schon mehr als einmal. Es endete nicht gut – nicht für Europa und auch nicht für Deutschland.
Ausserdem ist die Idee von der Neutralität eine grosse Heuchelei. Wir sind nicht neutral. Wir stehen kulturell und mit unseren Lebensidealen felsenfest auf der Seite der USA und anderer Länder des Westens – insbesondere auch ein Dieter Bohlen übrigens. Wer popkulturell westlichen Lebensstil zelebriert, dann aber von der grossen Neutralität fabuliert, macht sich lächerlich.
Neutralität, so wie es Dieter Bohlen und andere bundesdeutsche Neutralitätsfans erträumen, ist keine Neutralität. Sie ist vielmehr die reichlich egoistische und bequeme Haltung, vollständig ökonomischer und kultureller Teil des Westens zu sein, ohne aber dafür geradezustehen. Das ist nicht nur kläglich und parasitär, sondern realpolitisch nicht im Ansatz durchsetzbar. Und hier liegt das eigentliche Problem.
Im Grunde ist Dieter Bohlen so etwas wie die Luisa Neubauer für Konservative. Man gibt sich entrüstet, man ist empört – doch in guter alter deutscher Tradition ist man im Kern zutiefst unpolitisch. Lieber fantasiert man sich in eine Idealwelt hinein, die flauschig und gemütlich ist. Nüchterne Wahrnehmung und Analyse der Realität – es war noch nie des Deutschen Stärke.