Was haben nicht unsere Schweizer Auguren und Propheten auf allen Kanälen spekuliert, wen die Kardinalskurie zum Nachfolger des verstorbenen Franziskus I. wählen würde. Die Rede war in erster Linie von einer ganzen Reihe italienischer Papabile, wobei alle den andern die entsprechenden Namen mehr oder weniger abschrieben.
Vatican Media
Auch Franzosen wurden genannt, Ungarn, Luxemburger, Niederländer und immer wieder Vertreter aus Afrika, denen man hierzulande die Schlüssel Petri gerne anvertraut hätte, wenn sie nur nicht so schrecklich konservativ wären. Spekuliert wurde weiter über Asiaten, speziell von den Philippinen, Südamerikaner und überhaupt Namen aus dem globalen Süden.
Das zeigt, dass die Medienkonsumenten nicht besonders viel auf die veröffentlichte Meinung geben sollten. Die intimen Vatikan-Kenner sind in der Regel mässig intim. Meistens kommt alles anders, als man denkt. Und dennoch darf beliebig spekuliert werden, da die Öffentlichkeit schnell vergisst und der gestern erzählte Unsinn den Journalisten heute fast nie um die Ohren fliegt.
Vor allem unser öffentlich-rechtliches, mit unser aller Zwangsgebühren finanziertes SRF präsentierte Experten ohne Expertise und dazu elf Namen, die sich im Nachhinein allesamt als Nieten erwiesen. Auch die Wetten gingen ziemlich vollständig in die Irre. Dieses Stochern im Nebel von angeblichen Kennern erstaunt angesichts der Tatsache, dass ein neugewählter Papst immerhin zwei Drittel der stimmberechtigten Kardinäle hinter sich bringen müsste.
Die goldene Palme der richtigen Vorahnung gebührt Luzi Bernet, NZZ-Korrespondent in Rom: Unter seinen zehn im Vorfeld der Wahl vorgestellten Papabile fand sich tatsächlich auch Name und Bild des schliesslich gewählten US-Amerikaners Robert Francis Prevost. Qualitätsjournalismus, Erfahrung und ein jahrelanges Leben mitsamt Berichterstattung vor Ort hat eben doch etwas für sich.