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Die Offenlegung der Epstein-Files ist in Wahrheit eine Kapitulation des Rechtsstaates. Der Lynchmob übernimmt. Widerlich ist nicht, was bekannt wird – sondern die Hexenjagd darum herum

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Die Offenlegung der Epstein-Files ist in Wahrheit eine Kapitulation des Rechtsstaates. Der Lynchmob übernimmt. Widerlich ist nicht, was bekannt wird – sondern die Hexenjagd darum herum
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Nun also auch noch Jack Lang, der legendäre langjährige linke französische Kulturminister. Auch Lang plauderte offenbar viel mit dem Finanzhai und mutmasslichen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein, der sich 2019 durch Selbstmord einer drohenden Verurteilung entzog. Lang reiht sich damit ein in eine lange Liste von Promis, die über die Jahrzehnte freundschaftlich mit Epstein verkehrt haben: britische und norwegische Royals, Staatsoberhäupter von Bill Clinton bis Donald Trump, Promis, Diplomaten und Financiers, Kulturschaffende von Woody Allen über Noam Chomsky bis Mick Jagger, Milliardäre wie Bill Gates oder Elon Musk. Die Liste wächst von Tag zu Tag. Es fehlt nur noch der Papst.

Jon Elswick/AP Photo/Keystone
Ein Dokument, das in der Veröffentlichung der Jeffrey-Epstein-Akten durch das US-Justizministerium enthalten war, fotografiert am Dienstag, 10. Februar 2026.
Jon Elswick/AP Photo/Keystone

Was sie alle verbindet: Keiner von ihnen wurde je angeklagt, geschweige denn verurteilt, ja es fehlt jeder Hinweis auf eine konkrete Sexualstraftat. Bislang ist Epsteins Witwe Ghislaine Maxwell die einzige Person, die in diesem seit Jahren schwelenden und mit amerikanischer Akribie durchleuchteten Sexskandal angeklagt oder verurteilt wurde. Doch die selbsternannten Tribunale der Moral kennen weder ein Anklageprinzip noch eine Unschuldsvermutung noch Verteidigerrechte, sie dulden keine Widerrede und keine ordentlichen Richter. Es gelten die Regeln des Lynchmobs: Wer in dessen Fänge gerät, kann nur hoffen, dass seine Exekution möglichst schnell über die Bühne geht.

Ich gebe zu: Ich verfolge die Berichte zum Fall Epstein schon lange nur noch sporadisch und oberflächlich im Sinne einer lästigen Pflichtübung – weil sie mich anwidern, weil sie unerträglich sind. Es sind nicht die mehr oder minder schmutzigen Geheimnisse der Promis, die mich anwidern, nein, im Gegenteil.

Unerträglich ist die Verletzung der Privatsphäre zahlloser Menschen, unter ihnen notabene auch mutmassliche Opfer des Systems Epstein. Wenn die Justiz versagt hat, dann nicht, weil sie keine Mittäter überführen konnte, die es, so muss man aufgrund der exhaustiven Untersuchung annehmen, schlicht und ergreifend nicht gibt. Sondern weil die Justiz nicht in der Lage war, die Privatsphäre zahlloser Menschen zu schützen, deren Schicksal ihr anvertraut war.

Wenn wir uns unbeobachtet oder im privaten Umkreis wähnen, dann denken, sagen, schreiben oder tun wir alle bisweilen Dinge, die im Rückblick oder bei genauer Prüfung idiotisch, fürchterlich falsch, unüberlegt oder unmoralisch erscheinen mögen. Vor allem wenn man sie aus dem Zusammenhang herausreisst. Und spätestens beim Gang aufs Klo stinkt es bei allen. Doch wie es bei den andern stinkt, will ich gar nicht so genau wissen. Man nennt es Zivilisation: jener Schambereich, der den Menschen vom Schimpansen unterscheidet und den Mani Matter in einem Lied einst so schön beschrieben hat.

Inhaltlich ist der Erkenntnisgehalt der Epstein-Files mager: Die Mächtigen und Prominenten verkehren, wer hätte das gedacht, gerne unter sich und äussern dabei auch mal Worte, die sie öffentlich niemals äussern würden; und bisweilen, quel horreur, stehen angealterte Männer auf blutjunge Frauen, deren Gunst sie mit Geld erwerben. Die wirklich erschütternde Erkenntnis ist eine andere: Wenn man ihn am dringendsten brauchen würde, ist auf den Rechtsstaat kein Verlass.

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