Es ist erst vier Wochen her, dass die ersten Tomahawk-Raketen in Richtung Natanz und Isfahan flogen, doch die Welt von «America First» wirkt bereits wie eine ferne Erinnerung. Donald Trump, der Mann, der auszog, um die «ewigen Kriege» zu beenden, steht heute im Zentrum von «Operation Epic Fury». Während das Wall Street Journal (WSJ) berichtet, dass seine Berater bereits händeringend nach einer «Exit-Strategie» suchen, stellt sich für uns die fundamentale Frage: Ist der libertäre Instinkt des Präsidenten einer altbekannten, höchst infektiösen Krankheit erlegen – dem Neokonservatismus?
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Die Rückkehr der «Demokratie-Bringer»
Man reibe sich die Augen: Trump klingt plötzlich wie George W. Bush im Jahr 2003. Wo früher die Rede von «Deals» und «Rückzug» war, hallt es heute «Regimewechsel» und «unbedingte Kapitulation» aus dem Mar-a-Lago-Lagezentrum. Die Financial Times (FT) analysiert messerscharf, dass Trump sich von einer Phalanx aus Sicherheitsfalken und der mächtigen Israel-Lobby hat einmauern lassen. Gruppen wie die Vandenberg Coalition – ein Sammelbecken alter Irak-Kriegs-Strategen – haben laut Jacobin, einer einflussreichen, weit links stehenden US-Publikation, das Drehbuch für diesen Konflikt geschrieben.
Trump, so die These vieler Kritiker, sei in eine Falle getappt: Die Neocons lieferten ihm die Vorlage (iranische «Bedrohungsszenarien»), und sein eigenes Ego erledigte den Rest. Wer als «starker Mann» gelten will, kann ein Ultimatum der Mullahs nicht unbeantwortet lassen. Doch der Preis ist hoch. Die Asia Today und die NZZ weisen auf das ökonomische Desaster hin: Die Strasse von Hormus ist faktisch dicht, der Ölpreis schiesst durch die Decke, und die Inflation frisst die Kaufkraft jener Arbeiter auf, die Trump eigentlich schützen wollte.
Das Gegenargument: Kann man mit dem Teufel paktieren?
Doch Vorsicht mit der vorschnellen Verurteilung. Die Weltwoche wäre nicht die Weltwoche, wenn sie nicht auch den unbequemen Blick in den Abgrund wagen würde. Ist die Einschätzung des Iran als «rationaler Akteur», mit dem man nur hart genug verhandeln muss, vielleicht der eigentliche fatale Irrtum?
Hier wiegt das Argument schwer, das vor allem in der FAZ und im israelischen Diskurs dominiert: Das Mullah-Regime ist kein normaler Staat. Es ist eine ideologische Kraft, deren Existenzberechtigung auf der Vernichtung Israels und dem Kampf gegen den «Grossen Satan» USA fusst. Wer glaubt, mit einer Theokratie, die kurz vor der Atombombe steht, einen «interessenbasierten Ausgleich» finden zu können, gleicht einem Pokerspieler, der gegen jemanden setzt, der das Kartenspiel am Ende ohnehin verbrennen will.
- These 1: Der Iran nutzt Diplomatie nur als Zeitgewinn für sein Nuklearprogramm.
- These 2: Ein «Eindämmen» (Containment) funktioniert nicht bei einer Macht, die asymmetrisch den gesamten Nahen Osten – vom Libanon bis zum Jemen – destabilisiert.
Aus dieser Sicht ist Trumps Angriff kein «Neocon-Abenteuer», sondern chirurgische Notwehr. Wenn die Geheimdienste recht hatten, dass der Iran «innerhalb einer Woche» eine nukleare Kapazität erreicht hätte, dann war das Zögern keine Option mehr.
Zwischen Realpolitik und Grössenwahn
Die Berliner Zeitung und russische Quellen wie RT zeichnen derweil ein düsteres Bild: Während die USA ihre Raketenvorräte leeren, reibt sich Moskau die Hände. Washington verstrickt sich in einem Abnutzungskrieg, der Ressourcen bindet, die eigentlich im Pazifik gegen China gebraucht würden.
Trumps Dilemma ist offensichtlich: Er wollte den Iran wirtschaftlich erdrosseln («Maximum Pressure»), musste aber feststellen, dass Ideologien sich nicht von leeren Bankkonten stoppen lassen. Jetzt steht er vor der Trümmerlandschaft seiner eigenen Aussenpolitik. Er hat die Wahl: Entweder er zieht den Krieg durch – mit Bodentruppen und dem Risiko eines jahrzehntelangen Morasts – oder er akzeptiert einen faulen Frieden, der ihn vor seinen Wählern als Papiertiger dastehen lässt.
Der Iran-Krieg 2026 zeigt uns den «tragischen Trump». In dem Versuch, die USA vor einer nuklearen Bedrohung zu schützen, hat er jene Geister gerufen, die er 2016 noch verflucht hatte. Ob der Iran wirklich die «unbezähmbare Bestie» ist oder ob Washington ihn erst dazu gemacht hat, wird die Geschichte entscheiden.
Fest steht: Die Neocons feiern in den Ruinen von Teheran bereits ihr Comeback.