Nach Monaten des KI-Rauschs, in denen sich die Börsen wie nach dem dritten Energy-Shot am Morgen gefühlt haben, folgt nun der Kater: In Tokio rauscht der Nikkei an einem einzigen Tag über 3 Prozent nach unten – ausgerechnet dort, wo Tech- und Chipfantasien zuletzt noch als Ersatzreligion dienten. In Europa das gleiche Bild, nur blasser: Der Stoxx 600 fällt auf das Tief seit November, der DAX rutscht auf 23.200 Punkte. Ein Analyst formuliert es mit der Trockenheit eines Schweizer Bergbauern: «Die Märkte haben sich an ihren eigenen Hoffnungen verschluckt.» Gute Besserung.
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In den USA wird die Episode mit mehr Publikum, aber gleichem Drehbuch gespielt: vier Verlusttage in Folge im S&P 500, KI-Lieblinge stürzen als Erste. Alle warten auf Nvidia, als könne ein einziger Quartalsbericht das Universum retten. Ein Marktbeobachter spricht von einem «Stresstest für die KI-Story». Währenddessen verstummen im Krypto-Zirkuszelt die Trommeln. Bitcoin fällt unter 90.000 Dollar, die Liquidationen rauschen milliardenweise durch die Leitungen. Aus «Auf zum Mond» wird wieder «Zurück auf Los». Die Angstindikatoren leuchten so rot, dass man damit das Matterhorn anstrahlen könnte.
Und mitten in diesem globalen Wackeln passiert etwas Bekanntes, fast Tröstliches: Der Schweizer Franken steigt. Natürlich steigt er. Was soll er sonst tun? Immer wenn irgendwo Anlagen implodieren, stürzen alle ins helvetische Sicherheitsnest, in den weltweit einzigen Hafen, in dem man für Nullzins noch danke sagt. Ein Dollar kostet nur noch rund 0,79 Franken. Für Schweizer Exporteure ein Albtraum, für internationale Anleger eine Beruhigungstablette. Die Schweizerische Nationalbank dürfte wieder genüsslich zusehen, wie der Franken seine Lieblingsrolle spielt: arrogante Stabilität. Daneben glänzt Gold wie ein Instagram-Filter: über 4000 Dollar je Unze, Notenbanken kaufen, ETFs schlucken gierig. Der Trend geht zum Tresor.
Das Ganze ist keine Apokalypse, aber das Ende der Märchenstunde. Die Märkte kapieren gerade, dass Wachstum nicht garantiert ist, Zinssenkungen kein Naturgesetz und Risiken nicht wegmoderierbar sind. Wer jetzt noch so tut, als sei das alles nur eine «Stimmungsschwankung», kann auch gleich weiter an Einhörner glauben. Die Party ist vorbei. Jetzt zählen wieder Bilanzen, Cashflows – und natürlich der Franken.