Es sollte der grosse Knall der Sicherheitskonferenz sein: Die Erkenntnis, dass der russische Regimekritiker Alexei Nawalny in einem Straflager vergiftet wurde.
Doch obwohl die fünf beteiligten europäischen Staaten ihre Aussenminister aufboten, um die Witwe Julija Nawalnaja einzurahmen, entpuppte sich die Sensation als Knallfrosch. Der grosse Aufschrei blieb aus.
Das mag daran liegen, dass die Enthüllung mehr verhüllte als offenbarte. Deutschlands Aussenminister Johann Wadephul als Sprecher der Gruppe tischte eine Räuberpistole auf – ohne einen Funken Beweis.
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Erinnerte an den damaligen US-Aussenminister Colin Powell, der vor der Uno irakische Massenvernichtungswaffen vom Himmel herunterlog. Er verliess sich auf Geheimdienstinformationen, wie diesmal auch die fünf Europäer. Vielleicht nach wie vor keine gute Idee. Denn es bleiben viele Fragen.
Warum dauerte es geschlagene zwei Jahre für das Resultat der toxikologischen Untersuchung?
Warum wurde das Ergebnis am Jahrestag des Todes und auf der Münchner Konferenz bekanntgegeben? Zufall? Oder Absicht?
Wie verschafften sich BND, MI6 oder das Deuxième Bureau Zugang zu Nawalnys Leiche für eine Autopsie, um das Gift nachzuweisen?
In welchem Labor wurden Gewebeproben untersucht? Wo ist der Laborbericht?
Wie wurde das Toxin verabreicht? Das Gift des Pfeilgiftfrosches – der übrigens unspektakulär Baumsteigerfrosch heisst – dringt durch Hautverletzungen in den Körper ein. Man muss es ins Rückenmark, in die Bauchhöhle oder in die Hirnrinde spritzen. Unters Essen gemischt ist es wirkungslos.
Kyle Summers, emeritierter Professor für Biologie an der East Carolina University, bezeichnete es als «sehr überraschend», dass jemand versuchen würde, Epibatidin als Gift gegen Menschen zu verwenden. Ihm sei kein Fall bekannt, dass dies geschehen sei.
An einem Punkt war Wadephul ehrlich: «Niemand ausser Putins Schergen wird sagen können, wie der 16. Februar 2024 in der russischen Strafkolonie im Einzelnen abgelaufen ist», sagte er.
Genau. Aber warum redet dann er?