Ist das der Untergang der FDP? 145.000 Wähler sind von der FDP zur CDU gewandert. Weitere 65.000 zur AfD. 10.000 zu den Grünen. Die Liberalen haben ihre Kundschaft an fast alle politischen Nachbarn verloren. Sie fühlen sich wie der Wirt jener Eckkneipe: Viel los war nie, aber jetzt verdrücken sich auch die Stammgäste lieber zum Italiener, zum Dönerladen oder zum Veganer nach nebenan. Für die Partei ist das eine Nahtod-Erfahrung: Liberalismus lohnt sich nicht mehr. Freiheit hat ausgedient. Selbstbestimmung war ohnehin nur ein Missverständnis der Geschichte.
BERND VON JUTRCZENKA / KEYSTONE
Doch bevor wir den Trauerkranz bestellen, lohnt ein Blick auf die eigentliche Botschaft der Wählerwanderung. Sie lautet nicht, dass Freiheit überflüssig geworden ist. Sie lautet vielmehr: Freiheit ist anstrengend. Freiheit bedeutet nämlich Verantwortung. Entscheidungen treffen. Risiken tragen. Selbst denken. Das alles sind Tätigkeiten, die in einem Land, das seine Formulare dreifach abstempelt und seine Bratwürste nach DIN-Norm grillt, naturgemäss nicht übermässig populär sind. Der durchschnittliche deutsche Wähler hat ein anderes politisches Grundbedürfnis: Bitte regelt das für mich.
Wer so denkt und abwartet, schlittert in einen Staat, der erst alles regelt und dann alles bestimmt. Spätestens dann wird das Pendel umschwingen: Denn Freiheit und Selbstbestimmung gehören ganz sicher zu den wenigen politischen Prinzipien, die immer wieder zurückkehren.
Zur Wiederauferstehung der FDP gehört dann allerdings auch das Personal, das ihre Haltung verkörpert. Parteien behaupten gern, dass ihre Programme überzeugen, in Wahrheit werden am Ende aber immer die Menschen gewählt. Was der FDP fehlt, ist eine Lichtgestalt. Ihr fehlt ein politischer Unternehmer der Freiheit. Derzeit schlummert er oder sie vermutlich dort, wo sich der Stimmenanteil der FDP befindet: im unsichtbaren Bereich.