Deutschland will wachsen. Aber es läuft, als hätten sich die Deutschen zum Start Gewichte um die Fussgelenke geschnallt. Der Grund ist ein politisches Tabu: Der wirtschaftliche Wiederaufschwung muss ohne Russland stattfinden – ohne dessen Energie, ohne dessen Rohstoffe, ohne den Markt, in dem deutsche Unternehmen jahrzehntelang gutes Geld verdient haben.
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Das ist kein moralisches Urteil, sondern eine Kostenrechnung. Vor dem Krieg kam über die Hälfte des deutschen Gasimports aus Russland. Heute ist es null. Die Lücke wurde geschlossen – technisch beeindruckend, aber ökonomisch teuer. Pipelinegas wurde ersetzt durch LNG, also durch Energie vom Weltmarkt: schwankend, geopolitisch nervös, strukturell teurer. Zwar sind die Grosshandelspreise seit dem Krisenpeak gefallen, doch sie liegen nun dauerhaft über dem Vorkrisenniveau. Billige Grundlast sieht anders aus.
Die Industrie reagiert nicht mit Protest, sondern mit Abwanderung. Der Gasverbrauch der Industrie liegt auch 2025 deutlich unter dem Niveau der Jahre vor dem Krieg und das nicht aus Effizienzgründen, sondern weil energieintensive Produktion fehlt. Chemie, Grundstoffe, Glas, Metalle: Wer hier investiert, rechnet langfristig. Und wer rechnet, macht um Deutschland einen Bogen.
Parallel ist ein Markt weggebrochen. Die deutschen Exporte nach Russland haben sich pulverisiert, Investitionen wurden abgeschrieben oder eingefroren. Vor dem Krieg arbeiteten Hunderttausende Beschäftigte in Russland für Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung. Deren Erträge fehlen jetzt in den Bilanzen.
Natürlich passt sich eine Volkswirtschaft an. Deutschland ist nicht kollabiert. Aber Anpassung ist kein Aufschwung, sondern die Verwaltung von Verlusten. Und sie kostet Tempo. Für 2026 erwarten führende Wirtschaftsinstitute Wachstum, das bestenfalls bei einem Prozent liegt. Ein Befreiungsschlag ist das nicht. Ein Land, das früher aus der Krise sprang, tastet sich nun vorwärts.
Der Verzicht auf Russland ist politisch gewollt. Ökonomisch ist er ein Bremsklotz. Deutschland kann auch ohne Russland wachsen. Aber nicht im Expresszug-Tempo, sondern wie im Regionalverkehr: Umstiege und Verspätungen inklusive.