Deutschland taumelt. Es ist längst nicht nur ein Flackern in den Statistiken, sondern ein nun schon drei Jahre andauernder Rückzug ins wirtschaftliche Schneckenhaus. Das Bruttoinlandsprodukt hat von April bis Juni um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal abgenommen.
Inzwischen sind solche Zahlen kein leiser klingelnder Alarmton irgendeines Weckers, sondern sie sind, weil sie mit grausamer Regelmässigkeit kommen, ein bohrender Schmerz für Politik, Unternehmen und Arbeitnehmer. Und das, was den Patienten dabei fast wahnsinnig macht, ist, dass die Arznei direkt neben ihm auf dem Nachttisch liegt. Nur kommt er irgendwie nicht dran.
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Denn die treibende Kraft des Abschwungs ist kein kosmischer Kometeneinschlag à la Trumps Zollpolitik oder Putins Krieg, sondern es ist in Deutschland das klebrige Spinnennetz der Bürokratie. Bürokratie – das ist kein abstraktes Wort, das man sich auf der Zunge zergehen lässt und wieder vergisst. Bürokratie ist der zähflüssige Schlamm, der jede Entscheidung lähmt, und jeden Impuls zum Erliegen bringt.
Wenn ein Mittelständler eine neue Maschine anschaffen will, ist das nicht einfach ein Formular oder zwei: Nein, das ist ein labyrinthischer Parcours durch Formulare, Zuständigkeiten, Fristen, doppelte Unterschriften, Neuanträge, Nachweise, Zertifikate, Nummern-Kreuzvergleiche – bis irgendwann die Quelle des Vorhabens in der Bürokratie versickert. Die Maschinen bleiben nicht nur in der Produktion stehen, sondern in der Amtsstube stecken. Investitionen zögern sich hinaus, Aufmerksamkeit verlagert sich auf Aktenberge statt auf Kundschaft und Innovation.
Es gibt einen schwachen Hoffnungsschimmer am Horizont – einen Funken, klein, aber bedeutsam: Der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft stieg im August überraschend um 0,3 auf 50,9 Punkte. Das ist der beste Wert seit März. Er zeigt, dass die Unternehmer bisher nicht kapituliert haben. Ihr Geschäft, ihr Mut, ihre Alltagsarbeit rotieren weiter, auch wenn die Bürokratie sie schier erstickt. Die Produktion läuft auf Sparflamme, aber sie läuft.
Daraus ergibt sich ein Appell. Er heisst: Lasst uns die langen, behördlichen Schleifen entschärfen. Entschlacken. Entbürokratisieren. Es ist nicht nur ein Gebot ökonomischer Vernunft, sondern kluger Politik, dass Unternehmertum nicht in bürokratischen Untiefen versinkt. Dann könnte der Patient endlich gesunden, aufstehen und wieder loslaufen.