Meine Damen und Herren, wir müssen über die Deutschen reden. Und wer über die Deutschen redet, landet unweigerlich im Maschinenraum der Weltgeschichte – dort, wo es raucht, zischt und die Messgeräte meistens im tiefroten Bereich vibrieren. Schauen wir uns die Bundesrepublik heute an: Da ist sie wieder, die berühmte deutsche Zerrissenheit. Auf der einen Seite moralische Weltrettungsattitüde, die EU als Ersatzreligion und das Klima als persönlicher Auftrag Gottes. Auf der anderen Seite poltert der Rückzug ins Nationale, das Unbehagen an der Brüsseler Bevormundung, das viele in die Arme der AfD treibt.
Paul Langrock/laif/Keystone
Deutschland befindet sich auf einer Schleuderfahrt zu sich selbst. Und wer könnte uns diese Reise auf der Geisterbahn besser erklären als ein Mann, den heute kaum noch jemand kennt, den aber kein Geringerer als Thomas Mann als einen der tiefsten Kenner der deutschen Seele verehrte? Ich spreche von Erich Kahler.
Wer war Erich Kahler?
Bevor wir in die aktuelle Berliner Suppe eintauchen, ein kurzes Porträt dieses Giganten: Erich Kahler (1885–1970) war ein jüdisch-deutscher Gelehrter, ein Universalgeist, der 1933 vor den Nazis fliehen musste. In seinem Exil-Meisterwerk «Der deutsche Charakter in der Geschichte Europas» versuchte er nicht weniger, als das Rätsel Deutschland zu knacken. Kahler war kein billiger Deutschland-Hasser, im Gegenteil: Er liebte den deutschen Geist, litt aber an der deutschen Politik. Er sah Deutschland als ein «Zwischenreich», als eine Nation, die nie ganz zu ihrer Form fand. Thomas Mann war von Kahlers Analyse so beeindruckt, dass er ihn einen «Meister der geschichtlichen Psychologie» nannte.
Das Problem der Formlosigkeit
Kahlers Kernthese ist so aktuell wie die heutige «Tagesschau»: Die Deutschen leiden unter einer chronischen «Formlosigkeit». Während Franzosen und Briten schon früh wussten, wer sie sind und wo ihre Grenzen liegen, blieb Deutschland ein diffuses Gebilde in der Mitte Europas, ein «Reich ohne Nation».
Das Ergebnis? Die Deutschen schwanken, mitunter extrem. Entweder sie wollen die ganze Welt umarmen (heute: EU-Integration bis zur Selbstaufgabe, grenzenlose Willkommenskultur), oder sie igeln sich trotzig ein. Kahler nannte das den Mangel an einer «stabilen Mitte». Und genau das erleben wir wieder heute: Die EU liefert keine Antworten mehr auf Migration, Energiepreise oder die neue harte Weltpolitik eines Donald Trump. Das deutsche Pendel schlägt mit Wucht zurück. Die Sehnsucht nach dem Nationalstaat kommt zurück, nicht als Betriebsunfall, sondern als logische Folge überdehnter Europa-Fantasien.
Trump und der deutsche Hochmut
Und nun kommt auch noch Trump, dieser Oger unter den amerikanischen Präsidenten, ein Trampeltier, nicht ohne Charme, vor allem aber mit dem absoluten Musikgehör für Politik, hochbegabt, so scheint es, selbst ausweglose Situationen für sich in Goldgruben umzudrehen.
Aus Kahlers Sicht ist der neue (alte) US-Präsident der ultimative Stresstest für das deutsche Gemüt. Die Deutschen neigen dazu, politische Fragen sofort in moralische Tribunale zu verwandeln. Man rümpft in Berlin die Nase über den «Ruchlosen» in Washington, man sonnt sich in der eigenen «wertegeleiteten Aussenpolitik» – zieht sich also in den Geist zurück, in die deutsche Innerlichkeit, die Kahler so treffend erkennt. Man fühlt sich moralisch überlegen, während man machtpolitisch im Wind steht, nackt.
Kahler würde den Deutschen heute zurufen: «Hört auf mit dem moralischen Zeigefinger! Werdet politisch erwachsen!» Trump ist keine Naturkatastrophe, sondern ein politisches Alphatier mit mächtiger Verdrängung. Deutschlands muss lernen, seine nationalen Interessen zu artikulieren, dabei entlastet vom Stress, selber Grossmacht spielen zu müssen, in jene skrupellose Selbstsucht zu verfallen, mit der man sich einst aufbäumte, um Europa unters Joch der eigenen Hegemonie zu zwingen.
Wer hat Angst vor der AfD?
Was ist mit der AfD? Viele Deutsche haben panische Angst vor den Dämonen ihrer Geschichte. Verständlich. Man klammert sich an Brüssel, als wäre die EU eine Zwangsjacke, die einen vor dem eigenen Wahnsinn bewahrt. Kahler würde hier eine Warnung aussprechen: Identität lässt sich nicht dauerhaft unterdrücken. Wenn man den Menschen das Gefühl nimmt, in ihrem eigenen Land Herr im Hause zu sein, dann bricht sich das Nationale Bahn, erst recht – und zwar oft in einer unschönen, handgreiflich-rohen Form.
Der Wegweiser aus der Krise? Nicht mehr Panik-Demos gegen die AfD, sondern eine Rückkehr zum Vernünftigen, Durchbruch zur Demokratie. Deutschland muss sich trauen, ein «ganz normales» Land zu sein. Dazu gehören Parteien zur Linken, aber eben auch zur Rechten. Möge das bessere Argument gewinnen, ohne übergriffigen Verfassungsschutz. Es braucht keine Vorkoster und Wächter. Chef ist der Wähler, nicht der Politiker. Ein Land, das seine Grenzen schützt, seine Wirtschaft befreit, die Bildung pflegt und die EU nicht als heilige Kirche, sondern als nützlichen Zweckverband betrachtet: Wer hätte dagegen etwas einzuwenden?
Ausblick durch die Mitte
Ist Hopfen und Malz verloren? Keineswegs! Trotz aller Schleuderbewegungen hat Deutschland enorme Substanz. Kahlers Werk ist ein Plädoyer für aufgeklärtes Selbstbewusstsein durch Selbsterkenntnis. Wenn die Deutschen ihre Geschichte annehmen, ohne vor ihr zu fliehen oder sie zu verherrlichen oder in Grund und Boden zu stampfen, dann können sie diese «Mitte» finden, von der Kahler in dunklen Zeiten träumte.
Daraus ergibt sich ein einfacher Rat an unsere deutschen Nachbarn: Schaut weniger auf die Umfragen und mehr in eure Klassiker! Ein Schuss kahlerscher Realismus täte der Berliner Politik gut. Seid zuversichtlich! Die Welt braucht ein stabiles, nüchternes Deutschland – keinen moralisierenden Oberlehrer, aber auch keinen ängstlichen Zögerer. Es wird gut, wenn man sich traut, wieder man selbst zu sein – ohne Schaum vor dem Mund, aber mit festem Boden unter den Füssen.
Erich Kahler: Der deutsche Charakter in der Geschichte Europas. Zürich 1937.