Der Verleger Holger Friedrich startet mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ) ein publizistisches Projekt mit politischer Wucht. Die Neugründung sei auch eine «Fuck-you-Geste» gegenüber einem Establishment, das Ostdeutsche bis heute stigmatisiere, sagt der Eigentümer der Berliner Zeitung.
Friedrich sieht im Ost-West-Verhältnis eine offene Wunde. Nach 1990 habe ein «Elitentausch» stattgefunden, bei dem westdeutsche Funktionseliten wirtschaftliches und kulturelles Kapital im Osten «vorsätzlich zerstört» hätten.
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Viele Ostdeutsche hätten ihre Identität verdrängt, um nicht zur Zielscheibe zu werden. Die sogenannte «Brandmauer» bezeichnet er als «strukturelle Denkfaulheit» – sie verteidige einen Status quo, der nicht mehr trage.
Die OAZ versteht Friedrich als Plattform für eine selbstbewusste ostdeutsche Perspektive. Ostdeutsche seien «unsere grösste Chance», weil sie Transformationsprozesse aus eigener Erfahrung kennen. Man müsse sich «ordentlich separieren, bevor man sich ordentlich vereinigen kann».
Für Aufsehen sorgt Friedrich auch aussenpolitisch. Nach einer Reise nach Moskau warnt er vor Eskalation. In Russland beobachte er eine zunehmende nationale Mobilisierung. Wenn sich das russische Nationalgefühl auf einen Feind konzentriere, «dann spricht der Deutsch».
Deutschland sei aufgrund seiner Geschichte und geografischen Lage besonders exponiert. Gespräche seien möglich und nötig, auch mit unbequemen Medienvertretern. Sanktionen gegen Journalisten ausserhalb rechtsstaatlicher Verfahren empfindet er als willkürlich.
Russland sei durch «systematische Kränkungen» in eine Selbstbehauptungshaltung geraten. Deutschland müsse abwägen, ob es bereit sei, den Preis einer Konfrontation zu zahlen. Ohne Europa werde es keine Einigung geben, sagt Friedrich – «wir leben blöderweise auf demselben Kontinent».
Mit der OAZ will er nun von Dresden und Chemnitz aus publizistisch gegensteuern als ostdeutsches Community-Projekt «auf Augenhöhe» mit den westdeutschen Verlagen.