Während das offizielle Berlin und Brüssel den israelisch-amerikanischen Angriff auf den Iran als «Präventivschlag» framen, liefert der Nahost-Experte Michael Lüders eine Analyse, die wie eine kalte Dusche wirkt. Für ihn ist die Sache klar: Wir erleben keinen Verteidigungsakt, sondern einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, getrieben von imperialer Hybris und dem jahrzehntelangen Wunsch nach einem regime change, wie er in seiner Analyse auf Youtube sagt.
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Lüders lässt kein gutes Haar an der westlichen Rhetorik von «Frau, Leben, Freiheit». Wer glaube, man könne einem Land die Freiheit bringen, indem man Mädchenschulen bombardiert – wie beim Angriff auf Minab mit mindestens 150 toten Schülerinnen –, der verwechsle Zerstörung mit Erlösung. Der Angriff werde das Mullah-Regime nicht stürzen, sondern dessen Überlebenszeit um eine Generation verlängern, da sich das Volk im Angesicht der Aggression hinter die Führung stelle.
Die wohl wichtigste, aber auch gefährlichste Erkenntnis Lüders’ betrifft die Ermordung des Revolutionsführers Ali Chamenei. In der westlichen Wahrnehmung oft nur als lästiger Autokrat abgetan, sei seine Tötung für die schiitische Welt ein Sakrileg ersten Ranges – vergleichbar mit einer Ermordung des Papstes. Chamenei werde so zum Märtyrer in einem «Kerbela 2.0». Damit habe der Westen eine religiöse Lunte entzündet, die über Jahrzehnte hinweg zu Explosionen im gesamten Nahen Osten führen könne. Der Angriff markiere «eine Art tipping point», «den Stalingrad-Moment». Lüders: «Das, was da passiert, hat das Potenzial, sich auszuweiten zu einem Dritten Weltkrieg. Russland wie auch China werden dem politischen System, der politischen Führung in Teheran beistehen aus geostrategischen Erwägungen.»
Auch für Europa sieht Lüders düster: Mit der Schliessung der Strasse von Hormus durch den Iran – durch die 20 Prozent der weltweiten Öl- und Gasmengen fliessen – droht eine Preisexplosion der Energiekosten. Und da russisches Gas politisch-korrekte Tabuware sei, begebe sich Deutschland in eine «enorme Energieabhängigkeit» von den USA, die sich ihre Hilfe teuer bezahlen lassen werden.
Lüders wirft dem Westen, allen voran den sogenannten E3 – Deutschland, Frankreich, Grossbritannien –, Doppelmoral vor: «Wir haben unsere Heuchelei zur Staatsräson erkoren.» Wer Russland für die Ukraine verurteile, den US-israelischen Angriff auf den Iran aber schweigend quittiere oder gar rechtfertige, habe im globalen Süden jede moralische Autorität verspielt. Wir befänden uns, so Lüders’ drastisches Bild, «an Deck der ‹Titanic›», während die politische Elite in Berlin den Eisberg vor lauter Ideologie nicht sehen wolle.