Suchbegriff

Die Weltwoche bietet tägliche Analysen, exklusive Berichte und kritische Kommentare zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Konto Anmelden
Die Weltwoche

«Der einzige Ausweg ist der Tod der öffentlichen Figur»: Sanija Ametis «Rede» nach dem Schuldspruch gegen sie

Anhören ( 5 min ) 1.0× +
«Der einzige Ausweg ist der Tod der öffentlichen Figur»: Sanija Ametis «Rede» nach dem Schuldspruch gegen sie
«Der einzige Ausweg ist der Tod der öffentlichen Figur»: Sanija Ametis «Rede» nach dem Schuldspruch gegen sie
0:00 -0:00
1.0×
100%
Mehr ▾

Im September 2024 sorgte die damalige GLP-Politikerin Sanija Ameti mit einem Instagram-Post für landesweite Empörung: Sie hatte auf ein Bild von Jesus und Maria geschossen – und das Video der Aktion öffentlich geteilt. Nun, rund anderthalb Jahre später, wurde Ameti vom Zürcher Bezirksgericht schuldig gesprochen. Die Richter verhängten eine bedingte Geldstrafe von sechzig Tagessätzen zu je 50 Franken.

© KEYSTONE / CLAUDIO THOMA
Sanija Ameti, ehemalige Praesidetin der "Operation Liberto" und ehemaliges Mitglied der GLP erscheint zum Prozess am Bezirksgericht Zuerich am Mittwoch, 28
© KEYSTONE / CLAUDIO THOMA

Am Tag des Urteils kündigte Ameti eine öffentliche Rede auf dem Zürcher Heimplatz an. Doch statt ihrer selbst fanden die erschienenen Medienvertreter lediglich einen leeren Stuhl, ein Schild mit der Aufschrift «Würste für die Freiheit» – und einen Teller mit Würsten. Auf dem Stuhl lag die angekündigte «Rede». Nachfolgend dokumentieren wir den Wortlaut.

Liebe Öffentlichkeit

An den heutigen Prozess sind alle freiwillig gekommen – ausser mir. Aus diesem Umstand darf ich schliessen, dass Sie wahrscheinlich meinetwegen gekommen sind und ich Sie enttäuschen würde, wenn ich nichts sagte. Das möchte ich natürlich nicht. Und ich frage mich, was Sie – liebe Öffentlichkeit – denn von mir wissen wollen? Und zwar wirklich wissen wollen.

Den Sachverhalt zum heutigen Prozessgegenstand habe ich bereits mehrfach geschildert, und mein Rechtsvertreter hat ihn nochmals dargelegt. Dazu ist also alles gesagt. Konsultiert man aber Google, die mit Abstand führende Suchmaschine, so lauten die meisteingegebenen Abfragen zu meiner Person in dieser Reihenfolge:

  1. Sanija Ameti Freund
  2. Sanija Ameti Religion
  3. Sanija Ameti Herkunft

Keuschheitsstatus, Religion, Herkunft – das ist es offenbar, was die interessierte Öffentlichkeit wirklich von mir wissen will. Deshalb gebe ich Ihnen die Antworten auch in dieser Reihenfolge.

Zu 1) Ich habe einen sehr netten Freund, dessen Stammbaum im Ämmital beginnt. Ich durfte ihn mir – entgegen der von einer Zeitung kolportierten Behauptung – auch selber auswählen und bin mit meiner Wahl zufrieden.

Zu 2) Ich habe, wie in den letzten fünf Jahren wiederholt öffentlich erklärt, keine Religion und bleibe wohl Atheistin. Dennoch wird meine Person in den Medien häufig als «Sanija Ameti, Politikerin und Muslimin» präsentiert, als wären es Berufsbezeichnungen. Dabei weiss jeder, dass Politikerin im Milizsystem kein Beruf ist.

Zu 3) Ich gehe davon aus, dass sich die Frage nach meiner Herkunft auf meine Vergangenheit in der alten Heimat bezieht. Als Geburtsort steht in der Anklageschrift Prizren, Kosovo. Das ist der Heimatort meines Vaters, aber nicht mein Geburtsort. Nachdem in meinem Ausländerausweis während zehn Jahren willkürlich Montenegro als mein Herkunftsland definiert war, spielt es keine Rolle mehr, was auf dem Papier steht. Meine Muttersprache ist Bosnisch, und ich war, bevor ich in die Schweiz geflüchtet bin, Binnenflüchtling auf ex-jugoslawischem Territorium, weil man uns bereits in der alten Heimat zu Türken und Muslimen erklärte, um so unsere Deportation – auf neu-identitär Remigration – zu rechtfertigen.

Wer die Heimat nicht verlassen hatte, riskierte, getötet zu werden. Darunter viele Kinder. Die Absicht dahinter ist, dass, wenn man ein Kind tötet, auch gleichzeitig das Leben der Mutter zerstört. Deshalb mussten die Sniper-Safari-Touristen für Kinder auch mehr Geld bezahlen. In dieser Unfreiheit liegt meine Herkunft.

Auch wenn solche Angaben zur Person wie Keuschheitsstatus, Religion und Herkunft als öffentliche Interessen für die rechtliche Beurteilung eines Sachverhalts irrelevant sind: Selbstzweck sind sie nicht. Sie dienen der Öffentlichkeit als Bestimmungsfaktoren, wer aufgrund von was und mit welcher Strenge beschämt wird. Wer dazugehört, und wer nicht. Formal gilt Freiheit für alle gleich. Es ist aber die ungleiche öffentliche Beschämung, die dafür sorgt, dass Freiheit materiell nicht für alle gleich gilt.

Aus diesem Grund richtet sich dieses Wort an die Öffentlichkeit. Persönlich habe ich in den fünf Jahren meiner Präsenz in der Öffentlichkeit zahlreiche Erfahrungen mit öffentlichen Beschämungen gemacht. Ihre Auswirkung war aber nie auf meine Person beschränkt: Mit jeder öffentlichen Beschämung kamen nicht nur Morddrohungen, sondern es wurde auch ein Exempel statuiert, um Menschen, die meine zugeschriebenen Attribute teilen, von der Teilhabe an der Öffentlichkeit abzuschrecken und auszuschliessen.

Es ist schliesslich diese Teilhabe an der Öffentlichkeit, die Hannah Arendt die «Freiheit, frei zu sein» nannte. Wem die Freiheit, frei zu sein, zusteht, und wem nicht, entscheiden seit je nicht Urteile der Gerichte, sondern Geschichten der Öffentlichkeit. Es sind Geschichten des Paria, wie sie der Bundesplatz in Bern über Elisabeth Kopp, der Richtplatz in Ygruben über Anna Göldin oder der Schweizerplatz in Frankfurt über die Schweiz in Europa erzählen und dem Paria so einen Platz in der Geschichte der europäischen Menschlichkeit geben.

«Was uns frei macht, das sind die Dinge, von denen wir erzählen können.» Meine Geschichte erzählt der Heimplatz in Zürich. Hier hat sich im Schauspielhaus in den 30ern der Widerstand formiert, hier erzählt das Höllentor die göttliche Komödie und hier ist es, wo ich lebe und hoffnungsvoll sein kann. Es ist nicht die Geschichte eines Comebacks. Ich werde nicht zurückkehren in eine Ordnung, in der jeder so tut, als wären alle Schweizer:innen gleich, aber genau weiss, dass die Öffentlichkeit je nach Geschlecht und Identität mit unterschiedlicher Strenge urteilt. Ich werde nicht mehr die Lüge mittragen und vorgeben, durch Teilhabe an der Öffentlichkeit gleich frei zu sein, solange die Beschämung durch dieselbe Öffentlichkeit der Ursprung meiner eigenen Unterordnung ist. Und schon gar nicht werde ich vorgeben, als wäre ich dankbar, Teil dieser Ordnung der Selbstlüge zu sein. Wer aber diesen Gesellschaftsvertrag ablehnt, wird als undankbar gebrandmarkt.

Der einzige Ausweg ist der Tod der öffentlichen Figur. Und solange es den Tod gibt, gibt es Hoffnung. Sanija Ameti, die Schweizer Politikerin, die sich selbst verleugnet hat, musste deshalb sterben. Es gab für sie keinen treffenderen Tod, als von Biedermann gelyncht zu werden, während die Brandstifter applaudieren und Babette zusieht. Nur sollte der Spiegel diesmal so gross sein, dass ihn selbst der letzte Dorftrottel sieht. Dieser Tod war die Folge der Weigerung, in einer Ordnung zu leben, an deren Tisch nie ein Platz für mich vorgesehen war. Die Veröffentlichung meiner mit der Herkunft verbundenen Scham war die Befreiung aus der Selbstlüge.

Befreit von der Maske, die mir die Öffentlichkeit aufgezwungen hat, und befreit von der Maske, die ich mir selbst in meiner Abweisung gegen sie auferlegt habe, kann jetzt eine neue Ordnung ohne Janusköpfe entstehen. Und in dieser Ordnung ist die Freiheit eingeladen, sich zu uns zu setzen, wenn ich und die Öffentlichkeit gemeinsam eine Wurst essen. Der Stuhl bleibt frei, aber der Platz ist für alle gedeckt.

Abonnement
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen

Ups! Wir konnten Ihr Formular nicht lokalisieren.

1. Start
2. Ihre Angaben
3. Abo prüfen
Startdatum: 31.03.2026
Mit der Bestellung akzeptieren Sie unsere AGBs.
Ihre Angaben
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
    (Newsletter kann jederzeit wieder abbestellt werden)

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.

Unzulässig sind:

  • Antisemitismus / Rassismus
  • Aufrufe zur Gewalt / Billigung von Gewalt
  • Begriffe unter der Gürtellinie/Fäkalsprache
  • Beleidigung anderer Forumsteilnehmer / verächtliche Abänderungen von deren Namen
  • Vergleiche demokratischer Politiker/Institutionen/Personen mit dem Nationalsozialismus
  • Justiziable Unterstellungen/Unwahrheiten
  • Kommentare oder ganze Abschnitte nur in Grossbuchstaben
  • Kommentare, die nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen)
  • Kommentare, die kommerzieller Natur sind
  • Kommentare mit vielen Sonderzeichen oder solche, die in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • Kommentare, die mehr als einen externen Link enthalten
  • Kommentare, die einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Kommentare, die nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu
  • Kommentare, die nicht auf Deutsch sind. Die Forumssprache ist Deutsch.

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.

Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.