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Crescendo vom Panikorchester

Crescendo vom Panikorchester

Ein Ratschlag an deutsche Journalisten: durch den Mund einatmen und durch die Nase ausatmen.

Wenn ein Politiker Stärke und Tatkraft ausstrahlen soll, dann weiss jeder Studiofotograf, wie er diesen Effekt erzielt. Der Fotograf greift zur Technik des split lighting.

Beim split lighting liegt die eine Gesichtshälfte des Politikers im Schatten, was ihm einen dynamischen und kraftvollen Ausdruck verleiht. Unterstrichen wird dieser Effekt, indem der Politiker seinen Blick direkt ins Objektiv der Kamera richtet.

SEBASTIAN KAHNERT / KEYSTONE
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SEBASTIAN KAHNERT / KEYSTONE

Genauso martialisch inszeniert, die rechte Gesichtshälfte im Schatten, präsentierte sich Bundeskanzler Olaf Scholz auf dem Titelbild des Spiegels. Die Schlagzeile darunter: «Wir müssen endlich in grossem Stil abschieben».

Das war im letzten Oktober. Doch trotz der famosen Fotoshow war die Reaktion in den Medien sehr verhalten. Kaum jemand nahm Scholz den Wandel zum migrationspolitischen Hardliner ab. Man wusste, sein Aufruf zur Härte war primär darin begründet, dass die AfD in den Umfragen Monat für Monat zulegte. Die Journalisten glaubten: Der meint es nicht ernst.

Zehn Wochen später lancierte ein linkes Journalistenkollektiv namens Correctiv eine Gruselgeschichte unter dem Titel «Geheimplan für Deutschland». Ein paar Politiker von AfD und CDU, dazu zwei Rechtsextremisten und einige Unternehmer, so die Story, hätten an einem Treffen in Potsdam den Plan gewälzt, Migranten in grossem Stil abzuschieben.

Anders als beim Scholz-Interview drehten die Medien nun durch und taten so, als ob eine millionenfache Deportation von Ausländern praktisch vor der Tür stünde. Die Journalisten glaubten: Die meinen es ernst.

Sofort trommelte man nun von der ARD bis zur Süddeutschen Zeitung für ein Verbot der AfD. Und natürlich wurde, von der Berliner Zeitung bis zur Frankenpost, der Kommentar-Klassiker ausgiebig zitiert, ohne den es in Deutschland nicht mehr geht. Es sei die «Demokratie in Gefahr». Und so brauchte es dann vom Norddeutschen Rundfunk bis zum Südwestfunk als Antioxidans dringend die «wehrhafte Demokratie».

Es kam noch besser. «Eine neue Wannseekonferenz?», fragte bang die Frankfurter Allgemeine und zog damit Parallelen zum berüchtigten Nazitreffen von 1942, an dem der Holocaust organisiert wurde. 

Das war nun die absolute Schussfahrt auf der publizistischen Geisterbahn. 1942 trafen sich am Wannsee fünfzehn führende Vertreter der Naziregierung unter der Leitung von SS-General Reinhard Heydrich, dem Chef der Sicherheitspolizei. Es war ein Treffen der Machtelite.

Diesmal, in Potsdam, war es ein Treffen der Machtlosen. Kein einziger der anwesenden AfD- und CDU-Politiker kommt in seiner Partei über die Kategorie der zweiten oder dritten Garnitur hinaus. Und die «finanzstarken Unternehmer», die laut Correctiv in der Runde dabei waren, sind ein Hotelier und zwei Gewerbler aus der IT- und Kunststoffbranche.

Warum, so frage ich mich, gibt es in Deutschland keinen Journalisten, der dieses lächerliche Palaver von zwanzig verwirrten Politclowns als das bezeichnet, was es war, nämlich ein lächerliches Palaver von ein paar verwirrten Politclowns?

Und warum gibt es keinen deutschen Journalisten, der diese aufgepumpte Heissluft-Story als das bezeichnet, was sie war, nämlich eine aufgepumpte Heissluft-Story?

Die Antwort finden wir in den aufgeregten deutschen Medien natürlich nicht. Ich muss darum ein Schweizer Blatt zitieren, die Neue Zürcher Zeitung. Der Titel des Kommentars spricht für sich: «Das deutsche Panikorchester: Die wehrhafte Demokratie ist in Wahrheit eine hyperventilierende Demokratie.»

Zuletzt ist das hyperventilierende Crescendo immer lauter geworden. Als Rentner im Verein der Reichsbürger gegen die Regierung murren, ist das ein «Staatsstreich» («Tagesschau»). Die AfD wiederum träumt vom «Bürgerkrieg» (Bild). Als Bauern mit ihren Traktoren gegen sinkende Subventionen protestieren, ist das ein «Umsturz» (Spiegel).

Hyperventilation, auch Schnappatmung genannt, hat psychische Ursachen, hervorgerufen durch Erregung und Angst. Das Wichtigste ist, so sagen Psychiater und Ärzte, dass man die hysterischen Opfer beruhigt. Dazu hilft langsames Einatmen durch den Mund und Ausatmen durch die Nase.

Also, liebe Journalistenkollegen in Deutschland. Immer schön durch den Mund einatmen und durch die Nase ausatmen, bevor Ihr Euch an die Schreibmaschine setzt.

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