Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana mit mindestens 40 Todesopfern bleibt Jessica Moretti, Ehefrau des verhafteten Barbesitzers Jacques Moretti, vorerst auf freiem Fuss. Die Walliser Staatsanwaltschaft sieht bei ihr «keine konkrete Fluchtgefahr» und ordnete deshalb keine Untersuchungshaft an. Dies im Gegensatz zu ihrem Ehemann, gegen den am Gedenktag Untersuchungshaft verhängt wurde.
© KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Rechtlich werde jede beschuldigte Person individuell beurteilt, erklärt der Zürcher Anwalt Christian Lenz in der Zeitung 20Minuten. Zwar könne es erstaunen, dass für Jessica Moretti keine Untersuchungshaft beantragt wurde, doch habe die Staatsanwaltschaft offenbar entschieden, dass die Fluchtgefahr «durch Ersatzmassnahmen ausreichend» begrenzt werden könne. Dazu zählen etwa Fussfesseln oder der Einzug von Ausweisdokumenten.
In ihrer Begründung verweist die Staatsanwaltschaft auf Morettis «persönlichen Werdegang und soziale Bindungen» – eine Formulierung, die auch auf elterliche Pflichten hindeuten könnte: Jessica und Jacques Moretti sollen ein gemeinsames Kind haben.
Kritik kommt dennoch von mehreren Seiten. Der Entscheid, den Haftantrag erst acht Tage nach dem Vorfall zu stellen, sei «ungewöhnlich», so Lenz. Normalerweise werde die Frage der Fluchtgefahr frühzeitig geklärt, «gerade in einem Fall, in den bereits sehr viele Ressourcen geflossen sind». Ein anderer Zürcher Anwalt kritisierte anonym: «Die Staatsanwaltschaft hätte das Ehepaar schon am 1. Januar festnehmen müssen» – mögliche Absprachen oder das Verschwindenlassen von Beweismitteln seien nicht auszuschliessen.
Der Vorwurf wiegt schwer: Jessica Moretti ist laut Handelsregister alleinige Geschäftsführerin von vier Firmen, darunter offenbar auch der Bar in Crans-Montana. Dennoch entschied sich die Staatsanwaltschaft, auf mildere Massnahmen zu setzen.