Der CDU-Europapolitiker Tilman Kuban warnt vor einer Deindustrialisierung Deutschlands infolge überambitionierter Klimaziele. In einem Interview mit der Zeitung Die Welt plädiert Kuban für eine Abkehr vom bisherigen Ziel einer vollständigen Klimaneutralität bis 2045. Stattdessen fordert er eine realistische Zwischenetappe: 80 Prozent CO2-Reduktion – und zwar ohne Arbeitsplatzabbau und neue Schulden.
MICHAEL KAPPELER / KEYSTONE
«Es ist ausreichend, wenn wir 2045 zu 80 Prozent klimaneutral sind und dafür Wohlstand und Demokratie erhalten haben – das ist im globalen Vergleich immer noch sehr ambitioniert», so Kuban. Die letzten 20 Prozent seien unverhältnismässig teuer und gefährdeten wirtschaftliche Stabilität wie auch den sozialen Frieden. Der frühere JU-Vorsitzende kritisiert, dass derzeit Produktion ins Ausland abwandere, wo schmutziger produziert werde. Kuban: «Für das Klima ist nichts erreicht, aber Industriearbeiter in Deutschland werden auf die Strasse gesetzt, finden keinen so gutbezahlten Job mehr und laufen dann aus Frust in die Arme der Rechtspopulisten.»
Der CDU-Politiker spricht sich auch gegen ein starres Verbrennerverbot aus und fordert, bestimmte Industriezweige von Klimavorgaben auszunehmen: «Es gibt kein Industrieland der Welt ohne eigene Stahlproduktion.» Besonders vor dem Hintergrund sicherheitspolitischer Herausforderungen sei eine eigenständige industrielle Basis unverzichtbar.
Auch das EU-Klimaziel von 2050 sieht Kuban zunehmend unter Druck. «Was ich von meinen Kollegen aus Frankreich, Polen, Italien oder aus osteuropäischen Staaten höre, ist da sehr eindeutig», so der 38-Jährige. Deutschland solle sich nicht isolieren, sondern mit seinen Partnern eine pragmatische Linie finden – statt sich in ambitionierten Idealen zu verrennen.