Als sich der Vorhang öffnet und dieser völlig unbekannte Kardinal an den Balkon tritt, ist das Erstaunen zunächst gross. Auch im grossen Rund auf dem Petersplatz. Dennoch Beifall, denn Papst.
Was mich angeht: zunächst Enttäuschung, denn ich hatte mir Kardinal Robert Sarah aus Guinea, den tieffrommen Traditionalisten, gewünscht.
Kardinal Prevost aus dem Augustiner-Orden ist der erste US-Papst, und er wählt sich den Namen Leo XIV. Möglicherweise ein Programm schon darin: Leo XIII. ging als Arbeiterpapst in die Geschichte ein, er war in stürmischen Zeiten, in denen die Klassengegensätze aufeinanderprallten, der Erfinder der ersten Sozial-Enzyklika «Rerum novarum», 1891, ja der katholischen Soziallehre überhaupt. Er bezog Stellung gegen den menschenfeindlichen Sozialismus, denn der Erwerbssinn und der Wunsch nach Eigentum seien zutiefst menschlich, aber er verlangte gleichzeitig gerechte Entlohnung für die Ausgebeuteten.
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Nun, die ersten Worte seines Namens-Nachfolgers an diesem Abend sind – nein, kein leutseliges «Guten Abend» – sondern: «Der Friede sei mit euch.»
Er tritt mit der Stola vor das Kirchenvolk, die bis auf Franziskus die Päpste vor ihm getragen haben. Auch die purpurrote Mozzetta, die Franziskus noch als «Fasching» verschmähte, sitzt auf der Schulter. Der römische Katholizismus ist eine Religion auch der Zeichen.
Der Graben in der katholischen Kirche zwischen «Traditionalisten» und «Modernisten» ist tief. Wahrscheinlich war es das, was den Kardinälen in dem kürzesten Konklave seit Pius XII. – nur nach vier Wahlgängen stieg der weisse Rauch auf – den Ausschlag gegeben hat. Denn Kardinal Prevost galt als Mann des Ausgleichs, als Brückenbauer.
Womöglich hat die Kirche mit ihrer grossen Erfahrung wieder einmal den richtigen Instinkt besessen, Katholiken würden sagen, sie war vom Heiligen Geist erleuchtet, denn eines muss der Kirche das Wichtigste überhaupt sein: das grosse Schiff, das sich mit ihr durch den Ozean der Geschichte bewegt, darf nicht kentern.
Die Reformer kommen durchaus auf ihre Kosten. Prevost spricht von einer inklusiven Kirche, von einer grossen Umarmung, wie sie die halbkreisförmigen Kolonnaden auf dem Platz figurieren: sie sind geöffnete Arme.
Mehrere Male bezieht er sich auf seinen Vorgänger und möchte auf dessen Weg weiterschreiten. Er nennt die «Synodalität» als sein Anliegen, was die deutschen Bischöfe entzücken dürfte, denn in deren Kosmos bedeutet diese Synodalität den Aufbruch hinein in die Protestantisierung, also Priesterinnen, Aufhebung des Zölibats und weiteren Schnickschnack. Das allerdings könnte ein grosses Missverständnis sein, denn wie schon Franziskus vor ihm hat Kardinal Prevost all dieses Zeug zurückgewiesen.
Offenbar ist er Mariologe, was die Traditionalisten zufriedenstellen dürfte, er stellt die Kirche unter den Schutz der Mutter Gottes und betet gemeinsam mit den Gläubigen das Ave Maria. Und er schliesst mit dem Segen urbi et orbi, der denjenigen, die gläubig knien, die Vergebung der Sünden verspricht.
Franziskus dagegen endete seine erste Vorstellung mit dem Wunsch «buon pranzo», guten Appetit.
Halb zufriedenes Fazit an diesem Abend vorerst: Immerhin «modernere Gebete» wird man von ihm nicht erwarten müssen, das Ave Maria gehört dann doch zu den schönsten und wirksamsten, die es gibt.