Berlin, dieser Moloch der Schönheit und des Schreckens, kriegt gerade eins auf die Fresse, so richtig. Arm und sexy war mal, jetzt ist die Stadt nur noch arm, armselig auch. Ein paar ideologische Vollpfosten kappen einen Stadtteil vom Strom. Der Bürgermeister: netter und naiver als ein Ortsvorsteher aus der Oberpfalz. Die Senatoren alle auf regressiven Selbstverwirklichungstrips. Selbstbereicherung auch. All dieses verlogene Grüne in den Steinschluchten der Stadt.
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Das Labor für Freiheit und Individualität, der Topos für Sehnsucht und gelebte Träume, das Experimentierfeld für Lebensentwürfe, das scheint zu sein, als ob es war einmal. Die Zeiten, als nur in Berlin aus Scheisse Gold werden konnte. Die einzige Stadt der Welt, in der sich Verlierer als Gewinner fühlen konnten.
Hört auf mit diesem Blödsinn. Berlin ist immer noch brachial geil, die letzte Zuflucht Deutschlands für Individualisten, Sonderlinge und Unverstandene, für Flüchtlinge des neomodernen teutonischen Bohnerwachses. Die Stadt, in der du nicht weisst, ob du abends ins Elysium kommst oder ins Elend. In der du über deine Verhältnisse ein Dasein lebst, auch wenn du kein Geld hast. In der dir dein Barkeeper einen Deckel macht, wenn’s mit dem grossartigen Film, der Weltliteratur oder dem eigenen Denken nicht funktioniert hat.
In der du Hoffnung hast, obwohl es keinen Grund gibt. In der Nichtstun auch schon eine Beschäftigung ist. In der deine Träume zuletzt sterben. Nie fühlst du dich toter als in Berlin. Nie lebendiger. Nirgends hasst du mehr, nirgends möchtest du mehr umarmen. In Berlin glaubst du zu wissen, wo der Mittelpunkt der Welt liegt.
Berlin ist immer 26. Und wer älter und geblieben ist, wird nie erwachsen. Weil er die Flausen nicht aus dem Kopf kriegt. Weil er glaubt, immer wieder sich neu erfinden zu können in dieser Stadt ohne Anfang und ohne Ende. Die Stadt, die dich nie liebt, aber dir trotzdem das Gefühl gibt, es zu tun. Berlin ist die beste bitch der Welt.