Baden-Württemberg hat gewählt. Und wie nach jeder Wahl beginnt das Ritual der politischen Schönfärberei. Der Mainstream verkündet den «grünen Sieg», als hätte sich das Land kollektiv ein Lastenrad gekauft.
Ein kurzer Blick auf die nackten Zahlen stört diese Erzählung allerdings erheblich. Mathematisch ist der grösste Gewinner dieser Wahl die AfD, gefolgt von der CDU. Die grössten Verlierer heissen FDP und SPD. Die Liberalen haben sich aus dem Parlament katapultiert. Und die SPD, immerhin Regierungspartei im Bund, wirkt im Südwesten inzwischen wie ein Traditionsverein ohne Publikum: viel Geschichte, wenig Gegenwart.
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Doch Politik hat nicht mit Mathematik zu tun. Politisch hat diese Wahl tatsächlich einen klaren Protagonisten: Cem Özdemir. Der grüne Kandidat hat eine erstaunliche Aufholjagd hingelegt. Die Parteifarbe trug er eher dezent in der Krawatte als im Programm. Am Ende landet er nur knapp unter seinem Vorgänger und erzielt ein Resultat, das jeder respektieren muss. In der Politik gilt noch immer eine alte Regel: Menschen wählen Menschen, nicht Parteiprogramme.
Die CDU hat deutlich kräftiger zugelegt als die Grünen. Und landet dennoch auf Platz zwei. Das ist die undankbarste Rolle im politischen Theater: der Zweite. Applaus gibt es, aber die Bühne gehört den anderen.
Das eigentlich Bemerkenswerte dieser Wahl liegt tiefer. Schaut man auf die Gesamtverteilung der Stimmen, zeigt sich: Die Mehrheit der Wähler im Land hat konservativ abgestimmt. CDU und AfD kommen gemeinsam auf ein solides bürgerliches Lager. Allein – diese Mehrheit bleibt politisch folgenlos. Denn im modernen deutschen Koalitionsbetrieb entscheidet nicht die Mehrheit der Stimmen, sondern die Kombinationsfähigkeit der Parteien. Politik gleicht damit einem komplizierten Möbelstück von Ikea: Entscheidend ist nicht, was im Karton liegt, sondern was sich daraus zusammenschrauben lässt.
So bleibt Baden-Württemberg grün regiert, obwohl die Mehrheit konservativ gewählt hat. Der Mainstream nennt das einen grünen Sieg. Man könnte es auch eine elegante Form der Realitätsvermeidung nennen.