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Awdijiwka ist gefallen: Diese Stadt im Osten der Ukraine war nach Mariupol die zweite grosse Eroberung der Russen. Überraschend ist vor allem, wie schnell die Schlacht entschieden wurde. Was ist passiert?

Dieser Text erschien zuerst auf dem Blog Voicefromrussia.ch.

Die Tatsache, dass Awdijiwka gefallen ist, war zu erwarten. Wir haben darüber vor ein paar Tagen berichtet: «Kriegsbericht: Awdijiwka vor dem Fall – Kurzmeldung».

Nun beurteilen wir das Wie, das Warum und welche Folgen der Fall der Stadt für den weiteren Kriegsverlauf haben könnte. Denn es gab bezüglich Zeitablauf und Intensität neue Aspekte, welche bis anhin in diesem Konflikt nicht zu beobachten waren.

Copyright 2023 The Associated Press. All rights reserved
Svitlana, who wished to be identified by her first name only, touches the photo of her son, Vladyslav Cherniakov, at his grave in Bucha, Ukraine, Tuesday, July 18, 2023
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Der erste überraschende Aspekt ist die Geschwindigkeit, in der die Stadt fiel. In unserem letzten Kriegsbericht schrieben wir, dass ein Grund für die Ablösung des ukrainischen Oberbefehlshabers Saluschnyj durch General Syrsky wohl darin bestand, dass Präsident Selenskyj Awdijiwka mindestens bis zum 17. März halten wollte. An diesem Tag wählt Russland den Präsidenten, Putin sollte ein militärischer Sieg in der Ukraine verwehrt werden. Die ukrainischen Truppen hätten somit fünf weitere Woche die Stadt verteidigen müssen.

Dennoch befahl Syrsky den Rückzug aus Awdijiwka – mit der Begründung, dass man Menschenleben retten wollte. Das passt nun so gar nicht zur Reputation Syrskys, der den Spitznamen «Metzger von Bachmut» trägt, da er im letzten Frühling Tausende seiner Soldaten in der gleichnamigen Stadt verheizt hatte. Man kann davon ausgehen, dass er über Qualität und Zustand der Truppen in Awdijiwka genau im Bilde war. Ausserdem war die Elitetruppe Azov aus Kiew nach Awdijiwka verlegt worden, um die Stadt zu halten.

Nach verschiedenen Quellen – unter anderem dem Youtube-Kanal Military Summary – war der tatsächliche Grund nicht etwa Menschlichkeit, sondern die Tatsache, dass sich die Truppen schlichtweg weigerten, in die Schlacht zu ziehen, sprich: Befehlsverweigerung.

Das ist nicht überraschend, da seit Wochen Hunderte von Videos von ukrainischen Truppen publiziert wurden, in denen sie die katastrophale Versorgung mit Waffen, Munition und sogar Essen beklagten. Weiter meldeten sich immer mehr Truppen, welche seit achtzehn Monaten ununterbrochen an der Front waren, ohne je rotiert worden zu sein, das heisst, ohne je einen Fronturlaub erhalten zu haben.

Diese Soldaten verlangten, dass endlich auch die «Золотая молодёжь», die «Goldene Jugend», an die Front geschickt werde: die Kinder der Bonzen und Privilegierten in der Ukraine. Das allein zeigt, dass sich die Kampfmoral der Streitkräfte aufzulösen beginnt.

Dazu kommen verstörende Bilder der Zwangsrekrutierungen in der Ukraine, die Menschenjagden zeigen. Sie stellen offenbar keine Ausnahmen dar, sondern geben die Stimmung in der Bevölkerung wohl realistischer wider, als es den Behörden lieb ist.

Bachmut fiel erst, als der letzte Quadratmeter der Stadt physisch erobert war. Diese Stadt war nach Mariupol die zweite grosse Eroberung der Russen. Bachmut fiel nach blutigen Kämpfen, welche im Herbst 2022 begannen und am 20. Mai 2023 beendet waren, wobei in den acht Monaten auch viele Russen fielen – vor allem Kämpfer aus der Wagner-Gruppe.

Military Summary schätzt, dass Awdijiwka bereits fiel, als erst zirka 10 Prozent der tatsächlichen Stadtfläche erobert war. Die Russen hätten seit Bachmut viel gelernt und seien taktisch äusserst klug vorgegangen. Sie hätten sich darauf konzentriert, vor allem Versorgungswege der Ukrainer zu blockieren, wobei dies bereits aus der Ferne durch Artilleriebeschuss erreicht worden sei.

Die beste Schule für Streitkräfte ist der Krieg selbst. Die erlernte Taktik werden die Russen auf jeden Fall in der Zukunft anwenden, um Zeit, Menschen und Material zu sparen.

Ein weiterer Faktor, der den russischen Streitkräften zum Vorteil gereichte, war der Umstand, dass die Luftstreitkräfte vermehrt eingesetzt werden konnten, da die Luftabwehr der Ukrainer immer weniger funktioniert.

Die Einnahme von Awdijiwka ist ein grosser Sieg für Russland, denn die Stadt war die letzte im Donbass, die von den Ukrainern seit 2014 zur Festung ausgebaut worden war. Daher wird die Zivilbevölkerung der mehrheitlich russischen Grossstadt Donezk das erste Mal seit neun Jahren ruhiger schlafen können, da die seit 2014 anhaltenden Artillerieangriffe auf die Zivilbevölkerung aus Awdijiwka aufhören werden.

Inwieweit die Städte westlich von Awdijiwka befestigt sind und somit weitere langwierige Operationen der Russen nötig machen, kann nicht abschliessend beurteilt werden. Man hört jedoch bereits jetzt von ukrainischen Truppen, dass die westlich von Awdijiwka gelegenen Orte schlecht vorbereitet seien.

Meines Erachtens birgt die schlechte Moral in den Truppen das grösste Gefahrenmoment für die ukrainischen Streitkräfte. Das Vertrauen der Soldaten, dass die Führung sie mit Waffen, Munition, Verpflegung und medizinischer Hilfe versorgt, ist die moralische Basis jeder Streitmacht. Ob die beschriebenen Missstände lediglich das Donezk-Gebiet betreffen oder die gesamte Front, ist zurzeit unklar.

Was jedoch jedenfalls moralzersetzend ist, scheint der zunehmende Unwille in der ukrainischen Bevölkerung zu sein, junge Ukrainer als Kanonenfutter an der Front zu verheizen.

Auf russischer Seite ist zu beobachten, dass sich die Luftwaffe freier und ungestörter bewegen kann – ein grosser Vorteil.

Wir sind immer sehr vorsichtig mit Prognosen, da es unmöglich ist, die Situation an jedem Abschnitt der gigantisch langen Front von über 1000 Kilometern zu beurteilen. Awdijiwka ist nur ein Punkt an dieser Front.

Dennoch weist der Trend auf eine Stärkung der russischen und eine Schwächung der ukrainischen Seite hin. Moral kann man nicht kaufen – starke Moral hängt vom Vertrauen der Truppe in die Führung, die Unterstützung in der jeweiligen Bevölkerung sowie von militärischen Erfolgen ab.

Peter Hänseler ist Schweizer. Er lebt in Moskau und betreibt den dreisprachigen geopolitischen Blog Voicefromrussia.ch.

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